Von der betreuten Google-Suche über gemeinsames Gurkenschnibbeln bis hin zu Yoga auf Englisch und Ukrainisch – das alles ist Soziokultur beim Drop In e.V. Förderreferentin Pia hat den Verein für Jugendarbeit auf dem Berliner RAW-Gelände besucht. Dort hat sie erfahren, was die Mitarbeitenden mit den NEUSTART KULTUR-Mitteln für ein tolles Programm auf die Beine gestellt haben.

Es knirscht unter den Reifen, als ich mit dem Fahrrad über die mit Scherben übersäten Pflastersteine auf dem Berliner RAW-Gelände rolle. Wo nachts überschwänglich miteinander angestoßen wird und dabei ab und zu eine Flasche zu Bruch geht, kann man tagsüber ganz viel Soziokultur und Sport erleben.

Der Drop In e.V., den ich heute besuche, liegt etwas versteckt zwischen der Skatehalle und einem Klangkunstmuseum. Die soziokulturellen Einrichtungen auf dem RAW-Gelände sind in L-Form angesiedelt. Sie werden auch als ‚Soziokulturelles L‘ bezeichnet. Viele der kulturellen Mieter*innen auf dem Areal müssen ab 2024 neuen Bebauungsplänen weichen. Das ‚Soziokulturelle L‘ konnte glücklicherweise ein Bleiberecht für die nächsten 30 Jahre erwirken.

Willkommen im offenen Jugendtreff

Die Mitarbeiter*innen Jens Lewandowski, Dominik Aurbach und Kristina Werth empfangen mich im liebevoll und bunt gestalteten Innenhof der Räumlichkeiten des Vereins. „Hier, das haben wir alles im Upcycling-Workshop mit den Jugendlichen so toll hergerichtet. Wurde auch von euch, von NEUSTAT KULTUR gefördert“, erklärt Jens und zeigt auf die mit Blumen bepflanzten Paletten vor einer frisch gestrichenen weißen Wand. „Und hier ist dann auch noch Platz für den Graffiti-Workshop, der noch ansteht“.

LüftungsanlageDiese Wand wurde im von NEUSTART KULTUR geförderten Workshop upgecycelt

© NEUSTART KULTUR

Der Drop In e.V. ist ein offener Jugendtreff. Ab 13 Uhr können Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 26 Jahre hier vorbeikommen und ihre Freizeit verbringen. Dafür steht ihnen ein Wohnzimmer mit Kicker, Sofa, einem gefüllten Bücherregal und ein Fernseher, auf dem Skate-Tricks gezeigt werden, zur Verfügung. Daneben gibt‘s einen Sportraum mit Boxsack und Yogamatten und unterm Dach einen Arbeits- und Workshopraum mit Kamin. Im Winter kann man hier ganz gemütlich bei Feuerknistern Filme auf der Leinwand schauen. Und natürlich gibt’s nebenan die Skatehalle, mit der der Verein kooperiert und in der die Jugendlichen auch immer willkommen sind.

LüftungsanlageIm Winter kann das gemütliche Wohnzimmer mit Kicker und Couch hoffentlich weiter genutzt werden

© NEUSTART KULTUR

„Da wir ein offener Treff sind, weiß man nie was passiert“, sagt Jens. Manche Jugendliche wollen einfach den Raum nutzen, andere brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben. „Manchmal machen wir dann auch eine betreute Google-Suche, das ist für einige gar nicht so einfach“. Auch beim Vereinbaren von Terminen bei Ärzt*innen leisten die Sozialarbeiter*innen Unterstützung. „Manchmal trauen sich die Jugendlichen wegen ihrer Deutschkenntnisse nicht, selbst dort anzurufen, obwohl das Deutsch meistens schon total gut ist“, bemerkt Dominik. Viele der Besucher*innen des Jugendtreffs haben eine Flucht- oder Migrationsgeschichte und nutzen auch gerne die angebotenen Deutschkurse des Drop In e.V.

Neues Angebot für Jugendliche aus der Ukraine

„Heute, am Mittwoch, ist zum Beispiel Ukraine-Tag“, betont Jens. „Wir haben das Glück, Sveta, eine ukrainische Übersetzerin bei uns zu haben, die selbst auch erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen ist. Wir sind zwar vernetzt im Sozialraum, aber dass die neu angekommenen Jugendlichen zu uns finden, ist oft nur über direkte Kontakte möglich. Viele sind ja noch gar nicht angebunden und warten auf Schulplätze.“ Mittwochs bringt Sveta nun oft neue Interessierte mit zum Drop In e.V., hilft ihnen sprachlich und gibt auch Yogakurse auf Englisch und Ukrainisch.

Jugendarbeit in der Pandemie

Die digitalen Angebote des Drop In e.V. während der coronabedingten Einschränkungen wurden leider nicht gut angenommen. Jens erklärt, dass es vor allem daran lag, dass die niedrigschwellige Komponente, die die Jugendarbeit ausmacht „Einfach vorbeikommen und mitmachen“ nicht mehr gegeben war. Außerdem fehle vielen Jugendlichen, von denen einige in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, die Infrastruktur – ein ruhiger Ort und ein PC – um an solchen Angeboten teilzunehmen.
Durch NEUSTART KULTUR hat der Drop In e. V. nun verschiedene mehrwöchige Workshops gefördert bekommen, die den Jugendlichen – zurück im Offline-Jugendtreff vor Ort! – nun den Sommer verschönern sollen: einen Foto- und einen Podcast-Workshop, einen zu Upcycling, zu Graffiti sowie einen Ernährungsworkshop.

LüftungsanlageIm Innenhof ist Platz für Austausch, Lernen und gemeinsames Essen

© NEUSTART KULTUR

Gesundes Kochen – für Austausch und Spracherwerb

Der Ernährungsworkshop jeden Dienstag kommt richtig gut an. „Kochen ist die einfachste und schönste Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und Zugang zur Kultur und Gesellschaft zu bekommen“, schwärmt Dominik. „Wir versuchen grundsätzlich alles vegan und vegetarisch zu machen, dann ist alles koscher und halal und wir müssen uns darüber erst einmal nicht auseinandersetzen.“
Im Workshop lernen die Jugendlichen, was gesunde Ernährung ausmacht, was man zusammen kocht, was zusammenpasst, wie man eine Gurke schneidet und warum am Ende noch Salz ans Essen kommt. Krisi berichtet: „Wir sprechen auch über saisonales Essen, also was gibt es jetzt gerade in Deutschland. Da kann man zu Zeit ganz viel mit Erdbeeren und Spargel machen. Und Mülltrennung ist auch immer ein Thema, das gibt es ja nicht überall“.

Der Ernährungsworkshop ergänze sich auch toll mit den Deutschkursen, berichtet Dominik: „Wir erzählen den Lehrkräften, was wir kochen und die können das dann im Unterricht vorab einbauen und Wortfelder üben – auf mehreren Ebenen lernt es sich viel besser“. Aber Interdisziplinarität hin oder her: Das tollste ist natürlich, wenn später dann alle zusammensitzen und essen und merken, wie gut das gesunde Essen schmeckt.
„Wir sind so glücklich, dass jetzt alles so gut läuft“, sagt Jens abschließend. „Das wollen wir und die Teilnehmer jetzt den Sommer über ausnutzen und genießen. Wer weiß was im Winter wieder kommt.“

Die Soziokultur zeigt sich solidarisch mit den Menschen aus der Ukraine. Auch unsere geförderten Akteur*innen engagieren sich. Kitev – Kultur im Turm e.V. ist schon länger in der Geflüchtetenhilfe aktiv und auch mit den Menschen in der Urkaine verbunden. Ein Gastbeitrag von Agnieszka Wnuczak, kitev.

Die immer schon auch internationale Arbeit des kitev-Teams fand mit dem 2014 konzipierten Projekt „Refugees` Kitchen“ intensiv zusammen mit seiner lokalen Arbeit: Als 2015/16 die fahrende Küche gebaut und in Betrieb genommen wurde, geschah dies in Gemeinschaftsarbeit mit in dieser Zeit in Oberhausen ankommenden Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Eriträa und vielen anderen Herkunftsländern.

Und als die leider nur kurz vorherrschende Willkommenskultur in Deutschland nicht mehr allgemein geteilt wurde, setzte kitev 2018 ein neues und bis heute vielfarbig leuchtendes Zeichen auf dem Dach des höchsten Hochhauses im Bahnhofsquartier: „VIELFALT ist unsere Heimat“. Diese Schrift- und Licht-Skulptur des kitev-Mitbegründers Christoph Stark, die graphisch exakt den unweit sichtbaren Schriftzug „OBERHAUSEN – Wiege der Ruhrindustrie“ spiegelt, benennt als Motto ein wesentliches Movens und Telos aller kitev-Arbeiten – und zugleich einen historischen Fakt aller Kulturen, Nationen, Gemeinschaften und ganz konkret der Stadt Oberhausen, dessen junge Geschichte am präzisesten als eine von 175 Jahren Immigration zu beschreiben ist.

Lüftungsanlage„VIELFALT ist unsere Heimat“ leuchtet es von einem Hochhaus im Oberhausener Bahnhofsquartier

© Kultur im Turm e.V.

LEERSTAND – Ort der Begegnung

Seit Anfang 2021 ist kitev in Kooperation mit der Stadt Oberhausen, ihrem Kommunalen Integrationszentrum und mehreren lokalen Sozialträgern engagiert im NRW-Landesprogramm „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, welches jungen Geflüchteten mit prekärem Aufenthaltsstatus neue Möglichkeiten eröffnen soll. Kitev bietet hierfür in seinem Projekt „GEmeinsam NEu Aufbauen – GENAU“ diverse kreative Workshops an, die im Resultat gemeinsam den jüngst grundsanierten LEERSTAND in ein final kooperativ mit Neu-Oberhausener*innen betriebenes Café verwandeln sollen. Zugleich sind in diesem Projekt konkrete Hilfsangebote integriert: Verfahrensberatungen zum je individuellen Aufenthaltsstatus, Vermittlungen in Ausbildungen und Arbeit, Angebote zum Spracherwerb.

Der neu sanierte und gemeinsam mit den mitwirkenden Geflüchteten final neu zu erschaffende LEERSTAND wurde inzwischen bereits zu einem rege besuchten offenen Ort der Begegnung, des Austausches, der gelebten Solidarität und – für hieran Interessierte – der Vermittlung in weitere, insbesondere berufsqualifizierende Angebote.
Derzeit firmiert der LEERSTAND zwei Mal die Woche als offener Treff. Einmal wöchentlich wird zu thematischem Austausch eingeladen. An einem Vormittag gehört der Raum nur Frauen. Die Woche beschließt freitags ein Angebot zum gemeinsamen Kochen und Essen, gemäß des Mottos der Refugees` Kitchen: „Zu Hause ist, wo man zusammen isst.“ Es werden hier syrische, tunesische, äthiopische, irakische, iranische … und nun auch ukrainische Gerichte gemeinsam zubereitet und anschließend verspeist. Guten Appetit! Bon appétit! Nauttikaa ateriastanne! Smacznego! صحة وعافية! Приятного аппетита! Смачного!

Kooperation mit ukrainischer Kulturorganistation Kultura Medialna

Auf den Krieg gegen die Ukraine hat kitev umgehend reagiert. Seit 2015 ist kitev mit der Kulturorganisation Kultura Medialna aus Dnipro befreundet. Im Rahmen des Programms „Forum Regionum“ arbeiteten beide 2016 in Oberhausen, 2019 in Dnipro bei der Entwicklung eines neuen Soziokulturellen Zentrums intensiv zusammen.

Die Künstler:innenresidenz in Dnipro war der Startpunkt für den Umbau eines leerstehenden Gebäudes zu einem Kunst- und Kulturzentrum. Dieses erst jüngst erkämpftes, saniertes, kulturell geplantes Soziokulturelle Zentrum DCCC (Dnipro Center for Contemporary Culture) hat sich mit Beginn des offenen Krieges verwandelt. Bis zum 24. Februar 2022 veranstaltete das DCCC Ausstellungen, Festivals, Bildungsprogramme, eigene, städtische und andere Projekte. Jetzt betreibt ein Teil des Teams in Dnipro im DCCC ein soziales, pädagogisches und humanitäres Zentrum für Einheimische und Binnenflüchtlinge. Dort gibt es ein Spielzimmer für Kinder, einen Coworking-Bereich, einen Vortragssaal für Kinder und Jugendliche, eine Bibliothek und Büros von Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten. Weitere Mitglieder des Teams sind im westlichen Grenzbereich der Ukraine aktiv, andere befinden sich bereits im Exil.

Unsere Dialoge mit unseren Freund*innen und Partner*innen ergaben: Ihre nun primär humanitäre Arbeit soll nicht ihre einzige sein. Sie wollen weiterhin auch kulturell, künstlerisch arbeiten, als Teil ihrer Arbeit am Widerstand und für Aufklärung über die aktuelle Situation in der Ukraine.

Gemeinsam mit Kultura Medialna plant kitev daher bereits für Juni 2022 eine von seinen ukrainischen Partner*innen kuratierte Reihe öffentlicher Diskussionen und künstlerischer Präsentationen in Oberhausen.

Selbstorganisierte Verteil- und Sammelstelle für Geflüchtete

Ein anderes aktuelles Engagement für die von Krieg und Vertreibung betroffenen Menschen aus der Ukraine entstand nicht auf eigene Initiative von kitev, sondern durch Paul Ostapenko. Er kam vor zehn Monaten mit seiner Familie aus der Ukraine nach Oberhausen und nahm Kontakt zu kitev und seinem GENAU-Team auf, um sich Unterstützung bei der Suche nach einem Kindergartenplatz für seine Kinder zu holen. Heute sind Paul Ostapenko und seine Frau Katarina selbst große Unterstützer*innen vor Ort. Aufgrund ihrer Initiative wurde im mit kitev verbundenen Nachbarschaftszentrum Unterhaus eine Verteil- und Sammelstelle für Bedarfsgüter für aus der Ukraine geflüchtete Menschen eingerichtet. Zuerst sollten nur ein paar Kleider-Spenden zwischengelagert werden. Aber die großzügigen Spenden stapelten sich schnell bis unter die Decke der Räume. Durch Pauls und Katarinas Initiative und die Hilfe von neuen, nach Oberhausen geflüchteten Ukrainer*innen, gelang es schnell, eine selbstorganisierte Verteilungs- und Sammelstelle sowie einen Treffpunkt mit Kleiderausgabe zu etablieren. Kitev ist von Paul Ostapenkos Tatendrang und Organisationsgeschick begeistert und dankt ihm und seiner Frau Katarina für das Engagement und die Zusammenarbeit!


Weitere Informationen

Spendenaufruf des Dnipro Center for Contemporary Culture