Wo früher Steinkohle gefördert wurde, locken heute zahlreiche Kulturveranstaltungen Besucher*innen auf das Gelände des Kulturreviers Radbod. Die ehemalige Zeche ist seit 2001 ein Ort des künstlerischen Schaffens und kulturellen Austausches. Förderreferent Ingo hat das soziokulturelle Zentrum im westfälischen Hamm besucht.

Als ich im Kulturrevier Radbod eintreffe, empfängt mich ein reges Treiben. Die Vorbereitungen für ein Street Food Festival laufen. Die Essensstände sind im Aufbau oder heizen schon die Öfen vor. Das alte Backsteingebäude mit Industriecharme wirkt robust, aber durch große Fenster und viel Freifläche drum herum sehr freundlich und einladend. Man spürt sofort, hier ist ein Ort für Partys, Kultur und alle möglichen Veranstaltungen. In strahlendem Sonnenschein, der alte Förderturm wirft seinen Schatten auf das Gelände, werde ich sehr herzlich von den Betreibern Lisa Wothe und Sven Kirner begrüßt. Bei lockerer Gesprächsatmosphäre und Kaffee vergeht die Zeit wie im Flug.

Förderatelier mit Entfaltungsmöglichkeiten

Ich bin sehr neugierig auf die geförderten Investitionen. Nach einem kurzen Kennenlernen gehen wir durch das alte Gebäude voller interessanter Ecken und Winkel. Im Erdgeschoss betrachten wir die Veranstaltungsräume und Gastronomie. „Hier werden regelmäßig Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Partys, Aufführungen und Workshops angeboten“, berichtet Sven Kirner.

LüftungsanlageBei „Radbod liest!“ verwandelt sich die Gastronomie des Kulturreviers in ein schummrig-schönes Wohnzimmer

© Jugend und Kultur e.V.

In der oberen Atelieretage betrachten wir – oder betrachten uns – großformatige Portaits, die noch von der letzten Ausstellung dort aufgehängt sind. Hier arbeiten mehrere namhafte lokale Künstler*innen. In regelmäßigen Abständen finden Ausstellungen statt und einmal im Jahr laden die Künstler*innen interessierte Besucher*innen zum „Tag der Offenen Ateliers“ ein. Besonders stolz ist man im Kulturrevier auf das „Förderatelier“, in dem aufstrebende Künstler*innen vollkommen miet- und kostenfrei Entfaltungsmöglichkeiten finden. Leider sind die Räume während meines Besuchs unbenutzt, aber die Schilderungen Kirners von erfolgreichen Ausstellungen und Workshops in dieser Etage lassen mich die Stimmung bei Normalbetrieb erspüren.

Radbod rockt!

Jeder Winkel des Baus wird genutzt, nicht zuletzt als Proberäume für Bands der Region. Regelmäßig präsentieren sich die ansässigen Bands bei Konzerten der Reihe „Radbod Rockt“ auf der Bühne
Unser Rundgang endet auf dem Außengelände auf dem sich mittlerweile ein buntes kulinarisches Angebot und erste Besucher*innengruppen tummeln. Hier locken verschiedene Feste, Festivals oder auch Märkte Besucher*innen an.

Open Air-Festival Run for CoverDie AC/DC-Coverband „AB/CD“ beim Open Air-Festival „Run for Cover“

© Jugend und Kultur e.V.

Bei kalten Getränken im Sonnenschein erfahre ich von Lisa Wothe noch mehr über die Arbeit des Kulturreviers Radbod: „Wir legen Wert darauf, Besucher jeden Alters anzusprechen und auf Abwechslung und Vielfalt. Etwa 15.000 Besucher*innen nehmen an den jährlich über 100 Veranstaltungen des Kulturreviers teil. Vom Heavy Metal-Nachwuchskonzert bis hin zum Seniorentanz, es ist für jede*n etwas dabei“. Da man mich hier so entspannt empfängt und Wetter und Gerüche passen, kommt bei mir tatsächlich Festival-Atmosphäre auf. Und es freut mich, dass wir über NEUSTART KULTUR – Programm das Kulturzentrum dabei unterstützen, den Veranstaltungen nach der Corona-Pause neues Leben einzuhauchen und neue Formate zu entwickeln.

Pandemie bedeutet auch: Man weiß nie, was als nächstes kommt

Wie überall hat auch hier die Pandemie große Probleme mit sich gebracht. Mit viel Engagement und Herzblut wird hier Kultur gemacht und die Herausforderungen schienen vorerst übergroß. Es konnten jedoch durch den Erstantrag NEUSTART KULTUR – Zentren u. a. Bühnenelemente finanziert werden, die flexibel die vorhandene Bühne ergänzen oder auch für Veranstaltungen in den Außenbereich nutzbar sind. Auf dieser Veranstaltungsfläche bieten seitdem Tische und Stühle feste Sitzplätze und damit genügend Abstände zwischen den Besucher*innen. Im Sommer draußen – an kühleren Tagen drinnen – können alle Neuanschaffungen flexibel genutzt werden und für jedes Veranstaltungsformat passend arrangiert werden. Die schlauen Konzepte und kreativen Lösungen des Teams machten mit überschaubaren Investitionen vieles möglich. Die Arbeit und verschiedene Veranstaltungen konnten weitergehen.

Dennoch brachte die Pandemie eine sich ständig verändernde Situation hervor und dauert schlicht viel länger, als zu erwarten war. Das bringt auch neue Schwierigkeiten und erfordert weitere Investitionen. Deshalb nutzte das Kulturrevier die Möglichkeit einer Aufstockung bei NEUSTART KULTUR – Zentren, um die Beleuchtung des Außengeländes zu optimieren. Nun sind mehr Veranstaltungen auch schon im Frühjahr und Spätherbst auf dem Außengelände möglich, da für sichere und ansprechende Beleuchtung in allen Ecken gesorgt ist.

Trotz guter Kooperation ist die finanzielle Ausstattung des Kulturreviers nie fürstlich gewesen. Deshalb freut es mich, dass wir diesen besonderen Kulturort – soweit im Rahmen von NEUSTART KULTUR möglich – unterstützen können. Mit ihrer Professionalität und immer der richtigen Idee zur richtigen Zeit werden die Betreibern bestimmt noch lange viele schöne Erlebnisse ermöglichen. Ich bin sicher, der Optimismus und die Tatkraft werden hier nicht so schnell ausgehen.

Ein Herzlicher Dank gilt dem Team für ihr Engagement und ihre Freundlichkeit bei meinem Besuch.


Autor: Ingo Nachtigall

Die Soziokultur zeigt sich solidarisch mit den Menschen aus der Ukraine. Auch unsere geförderten Akteur*innen engagieren sich. Kitev – Kultur im Turm e.V. ist schon länger in der Geflüchtetenhilfe aktiv und auch mit den Menschen in der Urkaine verbunden. Ein Gastbeitrag von Agnieszka Wnuczak, kitev.

Die immer schon auch internationale Arbeit des kitev-Teams fand mit dem 2014 konzipierten Projekt „Refugees` Kitchen“ intensiv zusammen mit seiner lokalen Arbeit: Als 2015/16 die fahrende Küche gebaut und in Betrieb genommen wurde, geschah dies in Gemeinschaftsarbeit mit in dieser Zeit in Oberhausen ankommenden Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Eriträa und vielen anderen Herkunftsländern.

Und als die leider nur kurz vorherrschende Willkommenskultur in Deutschland nicht mehr allgemein geteilt wurde, setzte kitev 2018 ein neues und bis heute vielfarbig leuchtendes Zeichen auf dem Dach des höchsten Hochhauses im Bahnhofsquartier: „VIELFALT ist unsere Heimat“. Diese Schrift- und Licht-Skulptur des kitev-Mitbegründers Christoph Stark, die graphisch exakt den unweit sichtbaren Schriftzug „OBERHAUSEN – Wiege der Ruhrindustrie“ spiegelt, benennt als Motto ein wesentliches Movens und Telos aller kitev-Arbeiten – und zugleich einen historischen Fakt aller Kulturen, Nationen, Gemeinschaften und ganz konkret der Stadt Oberhausen, dessen junge Geschichte am präzisesten als eine von 175 Jahren Immigration zu beschreiben ist.

Lüftungsanlage„VIELFALT ist unsere Heimat“ leuchtet es von einem Hochhaus im Oberhausener Bahnhofsquartier

© Kultur im Turm e.V.

LEERSTAND – Ort der Begegnung

Seit Anfang 2021 ist kitev in Kooperation mit der Stadt Oberhausen, ihrem Kommunalen Integrationszentrum und mehreren lokalen Sozialträgern engagiert im NRW-Landesprogramm „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, welches jungen Geflüchteten mit prekärem Aufenthaltsstatus neue Möglichkeiten eröffnen soll. Kitev bietet hierfür in seinem Projekt „GEmeinsam NEu Aufbauen – GENAU“ diverse kreative Workshops an, die im Resultat gemeinsam den jüngst grundsanierten LEERSTAND in ein final kooperativ mit Neu-Oberhausener*innen betriebenes Café verwandeln sollen. Zugleich sind in diesem Projekt konkrete Hilfsangebote integriert: Verfahrensberatungen zum je individuellen Aufenthaltsstatus, Vermittlungen in Ausbildungen und Arbeit, Angebote zum Spracherwerb.

Der neu sanierte und gemeinsam mit den mitwirkenden Geflüchteten final neu zu erschaffende LEERSTAND wurde inzwischen bereits zu einem rege besuchten offenen Ort der Begegnung, des Austausches, der gelebten Solidarität und – für hieran Interessierte – der Vermittlung in weitere, insbesondere berufsqualifizierende Angebote.
Derzeit firmiert der LEERSTAND zwei Mal die Woche als offener Treff. Einmal wöchentlich wird zu thematischem Austausch eingeladen. An einem Vormittag gehört der Raum nur Frauen. Die Woche beschließt freitags ein Angebot zum gemeinsamen Kochen und Essen, gemäß des Mottos der Refugees` Kitchen: „Zu Hause ist, wo man zusammen isst.“ Es werden hier syrische, tunesische, äthiopische, irakische, iranische … und nun auch ukrainische Gerichte gemeinsam zubereitet und anschließend verspeist. Guten Appetit! Bon appétit! Nauttikaa ateriastanne! Smacznego! صحة وعافية! Приятного аппетита! Смачного!

Kooperation mit ukrainischer Kulturorganistation Kultura Medialna

Auf den Krieg gegen die Ukraine hat kitev umgehend reagiert. Seit 2015 ist kitev mit der Kulturorganisation Kultura Medialna aus Dnipro befreundet. Im Rahmen des Programms „Forum Regionum“ arbeiteten beide 2016 in Oberhausen, 2019 in Dnipro bei der Entwicklung eines neuen Soziokulturellen Zentrums intensiv zusammen.

Die Künstler:innenresidenz in Dnipro war der Startpunkt für den Umbau eines leerstehenden Gebäudes zu einem Kunst- und Kulturzentrum. Dieses erst jüngst erkämpftes, saniertes, kulturell geplantes Soziokulturelle Zentrum DCCC (Dnipro Center for Contemporary Culture) hat sich mit Beginn des offenen Krieges verwandelt. Bis zum 24. Februar 2022 veranstaltete das DCCC Ausstellungen, Festivals, Bildungsprogramme, eigene, städtische und andere Projekte. Jetzt betreibt ein Teil des Teams in Dnipro im DCCC ein soziales, pädagogisches und humanitäres Zentrum für Einheimische und Binnenflüchtlinge. Dort gibt es ein Spielzimmer für Kinder, einen Coworking-Bereich, einen Vortragssaal für Kinder und Jugendliche, eine Bibliothek und Büros von Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten. Weitere Mitglieder des Teams sind im westlichen Grenzbereich der Ukraine aktiv, andere befinden sich bereits im Exil.

Unsere Dialoge mit unseren Freund*innen und Partner*innen ergaben: Ihre nun primär humanitäre Arbeit soll nicht ihre einzige sein. Sie wollen weiterhin auch kulturell, künstlerisch arbeiten, als Teil ihrer Arbeit am Widerstand und für Aufklärung über die aktuelle Situation in der Ukraine.

Gemeinsam mit Kultura Medialna plant kitev daher bereits für Juni 2022 eine von seinen ukrainischen Partner*innen kuratierte Reihe öffentlicher Diskussionen und künstlerischer Präsentationen in Oberhausen.

Selbstorganisierte Verteil- und Sammelstelle für Geflüchtete

Ein anderes aktuelles Engagement für die von Krieg und Vertreibung betroffenen Menschen aus der Ukraine entstand nicht auf eigene Initiative von kitev, sondern durch Paul Ostapenko. Er kam vor zehn Monaten mit seiner Familie aus der Ukraine nach Oberhausen und nahm Kontakt zu kitev und seinem GENAU-Team auf, um sich Unterstützung bei der Suche nach einem Kindergartenplatz für seine Kinder zu holen. Heute sind Paul Ostapenko und seine Frau Katarina selbst große Unterstützer*innen vor Ort. Aufgrund ihrer Initiative wurde im mit kitev verbundenen Nachbarschaftszentrum Unterhaus eine Verteil- und Sammelstelle für Bedarfsgüter für aus der Ukraine geflüchtete Menschen eingerichtet. Zuerst sollten nur ein paar Kleider-Spenden zwischengelagert werden. Aber die großzügigen Spenden stapelten sich schnell bis unter die Decke der Räume. Durch Pauls und Katarinas Initiative und die Hilfe von neuen, nach Oberhausen geflüchteten Ukrainer*innen, gelang es schnell, eine selbstorganisierte Verteilungs- und Sammelstelle sowie einen Treffpunkt mit Kleiderausgabe zu etablieren. Kitev ist von Paul Ostapenkos Tatendrang und Organisationsgeschick begeistert und dankt ihm und seiner Frau Katarina für das Engagement und die Zusammenarbeit!


Weitere Informationen

Spendenaufruf des Dnipro Center for Contemporary Culture