Künstler*innen verzweifeln an der schlechten Auftragslage, Spielstätten am anhaltenden Publikumsschwund. Der Kultur stehen schwierige Zeiten bevor. Wir haben mit Ulrich Bildstein und Franck-Thomas Link vom Hamburger Kammerkunstverein e. V. über Klassik an ungewöhnlichen Orten, das Auslaufen der Corona-Förderprogramme und über die Entwöhnung von Kultur gesprochen.

Robert Schumanns Klavierstück Vogel als Prophet erklingt aus einem geöffneten Fenster im Hamburger Oberhafen und wird von einer leichten Augustbrise über der Hafencity verteilt. Vor dem Fenster steht in einem zweckmäßig eingerichteten Aufenthaltsraum des Hamburger Kammerkunstvereins Geschäftsführer Ulrich Bildstein mit, für ein Ensemblemitglied der Berlin Comedian Harmonists ungewohntem, windzerzausten Haar. Auf der beigen, leicht abgenutzten Couch vor ihm sitzt Pianist und künstlerischer Leiter „Thommy“ Franck-Thomas Link, der mit seiner ruhigen Art die Emotionalität seines Kompagnons bestens ergänzt.

GruppenbildNEUSTART KULTUR zu Besuch beim Hamburger Kammerkunstverein

Zum Feierabend Klassik

Der Verein bewegt sich abseits des subventionierten Klassikbetriebs. Kammermusik, Gesang, Theater, Lesungen sind Bestandteil des Programms. Ein kürzlich abgeschlossenes Projekt widmete sich Texten des französischen Schriftstellers Marcel Proust. „Daraus haben wir eine Lesung gemacht und das ist bei Proust immer viel verbunden mit Musik“, erinnert sich Link an das Programm, bei dem sich wiederentdeckte und 2019 veröffentlichte Texte des Autors mit Gesang und Geige verwoben.

Die Kammerkunst-Familie begegnet ihrem Publikum auf Augenhöhe; will Kunst und Kultur möglichst Vielen erlebbar machen und in Austausch treten. Mit den Lunch- und Feierabendkonzerten organisiert der Verein monatlich zwei beliebte, niedrigschwellige Reihen an ungewöhnlichen Orten: zur Mittagszeit – bei freiem Eintritt – in der geschichtsträchtigen Handelskammer Hamburg, in den Abendstunden in einer Industrielagerhalle unweit ihres Vereinssitzes im Oberhafen. Während das 401te Lunchkonzert wegen Umbauarbeiten noch auf seine Aufführung warten muss, laufen die Feierabendkonzerte auch dank der Förderung von NEUSTART KULTUR nach der Corona-Pause weiter. „Wir versuchen, die Hochkultur in diesem Clash mit der Industriekulisse zu verbinden und das mögen die Leute“, sagt Bildstein und sein Kollege Link fügt hinzu: „Viele Leute, die sonst vorher nichts mit klassischer Musik zu tun gehabt haben, werden bei uns angefixt.“

FeierabendkonzertZum Feierabend Klassik im Hamburger Kreativ- und Kulturquartier Oberhafen

© Hamburger Kammerkunstverein

Förderprogramme laufen aus

Die Klaviermusik, die zart aus einem benachbarten Raum durch die Vereinsräume flattert, wird abrupt vom Rattern eines vorbeifahrenden Zuges erstickt. Bildstein schließt das Fenster und prophezeit: „Die saure Gurkenzeit kommt erst noch.“ Bildstein ist Schauspieler, Sänger und Kulturmanager, ein Kenner der Kulturszene. Ihn erreichen in diesen Wochen Anrufe von überforderten Künstler*innen, die an der schlechten Auftragslage verzweifeln. Die Corona-Hilfen hatten nach dem Ende der kulturellen Zwangspause bei vielen Kulturschaffenden für gut gefüllte Auftragsbücher gesorgt. Vieles konnte nachgeholt werden, was die Pandemie verschoben hatte. „Was nicht bei drei auf den Bäumen war, wurde gefördert. Was auch gut war“, sagt Bildstein begleitet von Schumanns Vogelgezwitscher. Doch die Förderprogramme laufen aus. Zahlreiche Projekte, die durch die Corona-Programme angestoßen wurden, suchen nach einer Weiterfinanzierung, Künstler*innen nach Aufträgen.

Diese Entwicklung konterkariert, was Förderprogramme wie NEUSTART KULTUR während der vergangenen zwei Jahre für den Erhalt der kulturellen Vielfalt geleistet haben. Dies muss auch nach dem Auslaufen der Programme Bestand haben. Denn ein Weniger an kultureller Vielfalt schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Widerstandsfähigkeit gegenüber allgegenwärtigen Krisen.

Entwöhnung von Kultur

Zusätzlich bereitet der anhaltende Publikumsschwund große Probleme. Spielstätten, selbst große Häuser, verzeichnen einen fünfzigprozentigen Rückgang der Zuschauer*innenzahlen. Auch bei den Konzerten des Kammermusikvereins bleibt die Hälfte der Plätze immer noch leer. „Die Leute trauen sich nicht. Die Oma, die zwei Jahre nicht im Konzert war, kommt nicht mehr, hat ihr Abo gekündigt“, erklärt sich Bildstein die Situation und fährt fort: “Es ist nicht wie Brot essen, wenn diese Idee von ‚Ich geh ins Konzert‘ mal abbaut, dann verkümmert die auch, auch das soziale Miteinander verkümmert.“ Diese Entwöhnung von Kultur betrifft alle Kulturveranstalter*innen. Ob in Konzertsälen, Theatern, Kinos und Kulturzentren: überall bleiben Plätze leer. Für Bildstein stehen die Konsequenzen für die kulturelle Vielfalt fest: „Dann fliegt halt raus, was kein Erfolgsgarant ist.“ Weniger Stücke, mehr Mainstream – nicht nur Bildstein und Link muss das missfallen. Bleibt zu hoffen, dass der Publikumsschwund nur eine vorübergehende Begleiterscheinung der anhaltenden Pandemie ist.

Wenige Schritte vom Aufenthaltsraum entfernt, den schmalen, mit grauem Linoleum ausgelegten Gang hinunter, sitzt Pianist Nicholas Ashton am Flügel. Mit britischem Akzent kündigt er sein nächstes Stück an: „Ich spiele gerade ein Stück von Dauquin, ein französischer Barockkomponist. Ein ganz schönes Stück. Es heißt Le Coucou, Der Kuckuck.“ Der Kuckuck gilt als Wahrsager unter den Tieren.

Nicholas Ashton spielt einen Ausschnitt aus „Vogel als Prophet“

Das LOLA Kulturzentrum sorgt seit 30 Jahren für soziokulturelle Unterhaltung im Hamburger Bezirk Bergedorf. Mitgründerin Petra Niemeyer erzählt über ihre linken Anfänge, die Schwierigkeiten der Pandemie und den Wert kultureller Arbeit.

Das Kulturzentrum LOLA feiert im September sein 30-jähriges Jubiläum. Genauso lange ist auch Mitgründerin Petra Niemeyer schon dabei. Ihr soziokulturelles Engagement begann 1979, als die studierte Bekleidungsingenieurin gemeinsam mit Freund*innen das Wutzrock-Festival organisiert hat. Anschließend gründete die Freundesgruppe – allesamt Autodidakt*innen – ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, das heute nach über 40 Jahren ebenso noch besteht. „Dort haben wir die Grundlagen für unsere Arbeit in der Soziokultur gelernt“, erzählt Niemeyer stolz. Bestens gerüstet waren sie also, um schließlich eine der leerstehenden Bergedorfer Polizeiwachen in die LOLA zu verwandeln. Bis heute residiert die LOLA auf drei Etagen im roten Backsteingebäude. Über die Zukunft macht sich Petra Niemeyer trotzdem Sorgen.

Schwierigkeiten in der Pandemie

Derzeit leidet die LOLA weiterhin unter den Folgen der Pandemie. Trotz Wegfall der Einschränkungen bei Veranstaltungen ist man hier noch vorsichtig. Anstelle von 700 Gästen werden zur Disco nur 400 Menschen reingelassen. Und bei Theaterveranstaltungen, die indoor stattfinden, reduziert sich das Publikum leider von selbst. Die Auslastung bei Veranstaltungen liegt im Vergleich zu 2019 oftmals bei unter 50 Prozent. Viele Gäste haben anscheinend immer noch Angst, sich anzustecken, und nach der langen Pause werden Familienfeiern, Geburtstage etc. nachgeholt, von dem Besuch einer Kulturveranstaltung jedoch oftmals abgesehen.
Auch Mitarbeiter*innen für die Veranstaltungen zu finden, war für Petra Niemeyer sehr schwer: „Alle Türsteher waren auf einmal weg! Ganz Deutschland ist ja auf der Suche nach geeignetem Personal, vor allem in der Gastronomie.“ Auch die Auszubildenden in der Veranstaltungstechnik, mit denen sie früher viel zusammengearbeitet haben, sind weggefallen, weil weniger bis gar nicht ausgebildet wurde. Erfahrene Techniker*innen mit freien Kapazitäten sind in diesem Sommer, wie so vieles, eher rar gesät und müssen außerdem höher entlohnt werden.

LED-WandFür gut klingende Veranstaltungen braucht es gute Veranstaltungstechniker*innen

© LOLA Kulturzentrum

Hamburger Engagement gegen die Mangelverwaltung in der Soziokultur

Hinzu kommen die ganz „normalen“ Alltagsprobleme in der Soziokultur: Zu wenig Personal, zu geringe Gehälter, gerade auch für Berufsanfänger*innen und damit einhergehende Nachwuchsprobleme sowie befristete Verträge aufgrund von Projektlaufzeiten. In Hamburg haben sich die soziokulturellen Institutionen nun im Bündnis KulturWert – Faire Tarife für alle zusammengeschlossen und wollen durch Öffentlichkeitsarbeit und Aushandlung mit der Politik, bessere Bedingungen für die Szene schaffen.
Petra Niemeyer kennt diese Probleme aus der Praxis nur zu gut: „Wir betreiben seit 30 Jahren eigentlich Mangelverwaltung. Finanziell und personell. Grundsätzlich brauchen wir mehr Geld. Und auch eine Verstetigung. Also wenn ein Projekt gut läuft, soll es verstetigt werden, anstatt dass immer neue Anträge geschrieben werden müssen.“ Niemeyer merkt an: „Es gibt so viele Erwartungen an uns. Der Stadtteilkultur wird eine große Bedeutung beim Einsatz gegen das Auseinanderdriften der Gesellschaft zugeschrieben, weil sie in der Lage ist, Brücken zu bauen. Doch diese Bedeutung findet sich leider oftmals nicht in der Entlohnung der Mitarbeiter*innen wieder.“

LED-WandSonnengelber Schutz bei jedem Wetter: Die neue Hof-Überdachung in der LOLA

© Pia Sollmann

Förderanträge und Bauchschmerzen

Durch die allgemeine Überlastung und die Personalknappheit waren auch die umfangreichen Anträge für die Mittel von NEUSTART KULTUR nicht immer einfach zu bewältigen. „Bundesrecht ist viel schärfer als Landesrecht.“, sagt Petra Niemeyer. Wegen des Vergaberechts hatte das Team oftmals Bauchschmerzen, weil immer die Sorge dagewesen sei, nicht alles richtig zu machen. Zudem war es nicht möglich, verbindliche Kostenvoranschläge zu bekommen, da weder Preise konstant noch Lieferzeiten bekannt waren und sind. Die pandemiebedingte Senkung der Schwellwerte für eine erforderliche Vergabe hat hier offenbar nur wenig geholfen, ursprüngliche Kostenplanungen waren sehr schnell hinfällig, der Eigenmittelanteil dadurch automatisch höher.
Das bei staatlichen Mitteln alles ordentlich kontrolliert und abgerechnet wird, findet Niemeyer richtig, aber der Aufwand stehe oftmals nicht im Verhältnis.
Mit dem Bundesverband Soziokultur als mittelausgebende Stelle war Petra Niemeyer aber dennoch sehr zufrieden: „Das war besser als jede Bundesbehörde oder das Finanzamt. Sie haben ja ein Gefühl für die Arbeit, die wir machen und haben uns stets bestens informiert.“

Auch über die geförderte Hofüberdachung sind Petra Niemeyer und das LOLA Team sehr glücklich. Mit der Bühne können Veranstaltungen jetzt auch bei schlechtem Wetter draußen stattfinden und man kann auch kurzfristig umdisponieren: „Da lacht natürlich mein Herz als Veranstalterin, wenn man alles ganz flexibel und kreativ bespielen kann.“
Die nächsten Probleme wie Inflation und Energiekosten stehen schon vor der Tür. Niemeyer glaubt, dass ihre zehn letzten Berufsjahre die schwersten sein werden. Aber trotz aller Schwierigkeiten, macht die Arbeit ihr und den Kolleg*innen einfach auch extrem viel Spaß – sonst würde das einfach niemand machen.