Die Soziokultur zeigt sich solidarisch mit den Menschen aus der Ukraine. Auch unsere geförderten Akteur*innen engagieren sich. Kitev – Kultur im Turm e.V. ist schon länger in der Geflüchtetenhilfe aktiv und auch mit den Menschen in der Urkaine verbunden. Ein Gastbeitrag von Agnieszka Wnuczak, kitev.

Die immer schon auch internationale Arbeit des kitev-Teams fand mit dem 2014 konzipierten Projekt „Refugees` Kitchen“ intensiv zusammen mit seiner lokalen Arbeit: Als 2015/16 die fahrende Küche gebaut und in Betrieb genommen wurde, geschah dies in Gemeinschaftsarbeit mit in dieser Zeit in Oberhausen ankommenden Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Eriträa und vielen anderen Herkunftsländern.

Und als die leider nur kurz vorherrschende Willkommenskultur in Deutschland nicht mehr allgemein geteilt wurde, setzte kitev 2018 ein neues und bis heute vielfarbig leuchtendes Zeichen auf dem Dach des höchsten Hochhauses im Bahnhofsquartier: „VIELFALT ist unsere Heimat“. Diese Schrift- und Licht-Skulptur des kitev-Mitbegründers Christoph Stark, die graphisch exakt den unweit sichtbaren Schriftzug „OBERHAUSEN – Wiege der Ruhrindustrie“ spiegelt, benennt als Motto ein wesentliches Movens und Telos aller kitev-Arbeiten – und zugleich einen historischen Fakt aller Kulturen, Nationen, Gemeinschaften und ganz konkret der Stadt Oberhausen, dessen junge Geschichte am präzisesten als eine von 175 Jahren Immigration zu beschreiben ist.

Lüftungsanlage„VIELFALT ist unsere Heimat“ leuchtet es von einem Hochhaus im Oberhausener Bahnhofsquartier

© Kultur im Turm e.V.

LEERSTAND – Ort der Begegnung

Seit Anfang 2021 ist kitev in Kooperation mit der Stadt Oberhausen, ihrem Kommunalen Integrationszentrum und mehreren lokalen Sozialträgern engagiert im NRW-Landesprogramm „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, welches jungen Geflüchteten mit prekärem Aufenthaltsstatus neue Möglichkeiten eröffnen soll. Kitev bietet hierfür in seinem Projekt „GEmeinsam NEu Aufbauen – GENAU“ diverse kreative Workshops an, die im Resultat gemeinsam den jüngst grundsanierten LEERSTAND in ein final kooperativ mit Neu-Oberhausener*innen betriebenes Café verwandeln sollen. Zugleich sind in diesem Projekt konkrete Hilfsangebote integriert: Verfahrensberatungen zum je individuellen Aufenthaltsstatus, Vermittlungen in Ausbildungen und Arbeit, Angebote zum Spracherwerb.

Der neu sanierte und gemeinsam mit den mitwirkenden Geflüchteten final neu zu erschaffende LEERSTAND wurde inzwischen bereits zu einem rege besuchten offenen Ort der Begegnung, des Austausches, der gelebten Solidarität und – für hieran Interessierte – der Vermittlung in weitere, insbesondere berufsqualifizierende Angebote.
Derzeit firmiert der LEERSTAND zwei Mal die Woche als offener Treff. Einmal wöchentlich wird zu thematischem Austausch eingeladen. An einem Vormittag gehört der Raum nur Frauen. Die Woche beschließt freitags ein Angebot zum gemeinsamen Kochen und Essen, gemäß des Mottos der Refugees` Kitchen: „Zu Hause ist, wo man zusammen isst.“ Es werden hier syrische, tunesische, äthiopische, irakische, iranische … und nun auch ukrainische Gerichte gemeinsam zubereitet und anschließend verspeist. Guten Appetit! Bon appétit! Nauttikaa ateriastanne! Smacznego! صحة وعافية! Приятного аппетита! Смачного!

Kooperation mit ukrainischer Kulturorganistation Kultura Medialna

Auf den Krieg gegen die Ukraine hat kitev umgehend reagiert. Seit 2015 ist kitev mit der Kulturorganisation Kultura Medialna aus Dnipro befreundet. Im Rahmen des Programms „Forum Regionum“ arbeiteten beide 2016 in Oberhausen, 2019 in Dnipro bei der Entwicklung eines neuen Soziokulturellen Zentrums intensiv zusammen.

Die Künstler:innenresidenz in Dnipro war der Startpunkt für den Umbau eines leerstehenden Gebäudes zu einem Kunst- und Kulturzentrum. Dieses erst jüngst erkämpftes, saniertes, kulturell geplantes Soziokulturelle Zentrum DCCC (Dnipro Center for Contemporary Culture) hat sich mit Beginn des offenen Krieges verwandelt. Bis zum 24. Februar 2022 veranstaltete das DCCC Ausstellungen, Festivals, Bildungsprogramme, eigene, städtische und andere Projekte. Jetzt betreibt ein Teil des Teams in Dnipro im DCCC ein soziales, pädagogisches und humanitäres Zentrum für Einheimische und Binnenflüchtlinge. Dort gibt es ein Spielzimmer für Kinder, einen Coworking-Bereich, einen Vortragssaal für Kinder und Jugendliche, eine Bibliothek und Büros von Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten. Weitere Mitglieder des Teams sind im westlichen Grenzbereich der Ukraine aktiv, andere befinden sich bereits im Exil.

Unsere Dialoge mit unseren Freund*innen und Partner*innen ergaben: Ihre nun primär humanitäre Arbeit soll nicht ihre einzige sein. Sie wollen weiterhin auch kulturell, künstlerisch arbeiten, als Teil ihrer Arbeit am Widerstand und für Aufklärung über die aktuelle Situation in der Ukraine.

Gemeinsam mit Kultura Medialna plant kitev daher bereits für Juni 2022 eine von seinen ukrainischen Partner*innen kuratierte Reihe öffentlicher Diskussionen und künstlerischer Präsentationen in Oberhausen.

Selbstorganisierte Verteil- und Sammelstelle für Geflüchtete

Ein anderes aktuelles Engagement für die von Krieg und Vertreibung betroffenen Menschen aus der Ukraine entstand nicht auf eigene Initiative von kitev, sondern durch Paul Ostapenko. Er kam vor zehn Monaten mit seiner Familie aus der Ukraine nach Oberhausen und nahm Kontakt zu kitev und seinem GENAU-Team auf, um sich Unterstützung bei der Suche nach einem Kindergartenplatz für seine Kinder zu holen. Heute sind Paul Ostapenko und seine Frau Katarina selbst große Unterstützer*innen vor Ort. Aufgrund ihrer Initiative wurde im mit kitev verbundenen Nachbarschaftszentrum Unterhaus eine Verteil- und Sammelstelle für Bedarfsgüter für aus der Ukraine geflüchtete Menschen eingerichtet. Zuerst sollten nur ein paar Kleider-Spenden zwischengelagert werden. Aber die großzügigen Spenden stapelten sich schnell bis unter die Decke der Räume. Durch Pauls und Katarinas Initiative und die Hilfe von neuen, nach Oberhausen geflüchteten Ukrainer*innen, gelang es schnell, eine selbstorganisierte Verteilungs- und Sammelstelle sowie einen Treffpunkt mit Kleiderausgabe zu etablieren. Kitev ist von Paul Ostapenkos Tatendrang und Organisationsgeschick begeistert und dankt ihm und seiner Frau Katarina für das Engagement und die Zusammenarbeit!


Weitere Informationen

Spendenaufruf des Dnipro Center for Contemporary Culture

Bei meinem Projektbesuch bei PANDA platforma auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg spreche ich mit der Vereinsvorsitzenden Svetlana Müller über das vielfältige künstlerische und politische Programm der Kultureinrichtung und ihr derzeit großes Engagement für die Menschen in und aus der Ukraine.

Svetlana Müller fährt über die Pflastersteine im Hof der Kulturbrauerei ein und parkt ihr Fahrrad vor der PANDA platforma. „Entschuldigung“, ruft sie mir ein bisschen außer Puste entgegen, „Ich hatte noch ein Interview mit einer russischen Schriftstellerin!“ Seit dem 24. Februar ist die Vorstandsvorsitzende des Vereins PANDA  platforma e.V. ständig unterwegs. Führt Gespräche, knüpft Kontakte und macht sich für die Unterstützung Geflüchteter aus der Ukraine stark. Sie macht sich große Sorgen: „Seit dem Angriff schlafe ich nicht mehr als vier Stunden am Stück. Wir haben ja auch alle Familie und Freunde dort“. Und dennoch stemmen sie und die circa 20 aktiven Mitglieder des Vereins weiterhin ein starkes Kulturprogramm im PANDA.

Das PANDA, eine Plattform für die alternative Post-Ost-Community

Die PANDA platforma gibt es seit 2009 und bietet vielen verschiedenen Kunstdisziplinen eine Bühne: Theater, Musik, Lesungen, Performance, politische Debatten, Ausstellungen und vieles mehr findet hier statt. Die Veranstaltungen richten sich vor allem an die russischsprachige und Post-Ost-Community. Svetlana betont die Einzigartigkeit der PANDA platforma: „Natürlich gibt es in Berlin viele Anlaufstellen für Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten, aber eben nicht für uns, für die demokratisch denkenden, alternativen Menschen und Künstler*innen.“

PANDA Gespanntes und betroffenes Lauschen bei der Solidaritätsaktion „Poesie für die Ukraine“

© PANDA platforma

Ein Programm von gemütlich bis wild auf dem Areal der Kulturbrauerei

P.A.N.D.A. steht für poetry, art, networking, dreams, activity und der Pandabär, der als Logo für das PANDA dient, ist auch als ein Gegenbild zur russischen Nationalallegorie, des großen, starken Bären gemeint: „Der Panda ist gemütlich und friedlich“, erklärt Svetlana mit einem Augenzwinkern.

Dass die Veranstaltungen im PANDA gemütlich sind, kann man sich gut vorstellen: Der schwarz gehaltene Raum mit kleiner Bühne, Zuschauer*innenbereich und Bar lädt dazu ein, entspannt sitzend, mit 20 anderen Musikliebhaber*innen einem nischigen Jazzkonzert zu lauschen. Aber auch größere Veranstaltungen, wie Lesungen des russischen Schriftsellers Wladimir Sorokin, Diskussionen und Partys mit Wladimir Kaminer oder wilde Konzerte von Rotfrontsänger Jury Gurzhy mit bis zu 120 tanzenden Gästen, sehe ich bildlich vor mir. An den Wänden hängen abstrakte, bunte Gemälde. Svetlana zeigt mir stolz die signierten Barhocker und die Tische, die von einer ukrainischen Künstlerin gestaltetet wurden und wichtige Personen der Szene und des PANDA-Kollektivs abbilden. Künstler*innen und Organisator*innen scheinen hier persönlich miteinander bekannt oder sind einfach beides zugleich.

PANDA Das PANDA von innen: Kunst an den Wänden, auf den Tischen und ganz oft auch auf der Bühne

© NEUSTART KULTUR / Bundesverband Soziokultur

Svetlana ist seit vier Jahren im Vorstand des Vereins und betont, was für ein Glück sie mit dem Standort mitten in der beliebten Kulturbrauerei im Berliner Prenzlauer Berg haben, in der das PANDA die einzige Kultureinrichtung ist, die keine regelmäßige staatliche Förderung erhält und die fast ausschließlich ehrenamtlich betrieben wird: „Wir wissen alle, dass wir so einen Ort, mit einer erschwinglichen Miete in Berlin nicht mehr bekommen könnten. Nicht innerhalb des Rings, aber vermutlich auch nicht außerhalb.“

In Solidarität mit der Ukraine und den Geflüchteten

Diesen Ort lebendig zu halten, ist die größte Motivation für Svetlana, insbesondere in Zeiten wie jetzt. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist das PANDA-Team rund um die Uhr beschäftigt: „Die erste Woche haben wir uns nicht vorstellen können, Events durchzuführen, aber dann haben wir uns entschieden, unser Programm fortzusetzen und alle Einnahmen an ukrainische Unterstützungsorganisationen zu spenden.“ Regelmäßig finden nun auch mehrsprachige Poesieabende als Solidaritätsaktion statt. „Neulich ist abends eine ukrainische Dichterin aufgetreten, die erst am selben Tag in Berlin angekommen ist. Das sind für alle dann sehr bewegende Momente“, berichtet Svetlana.

PANDA Sonntags wird das PANDA zum safe space für Geflüchtete aus der Ukraine

© PANDA platforma

Sonntags haben sie außerdem tagsüber einen safe space für Geflüchtete eingerichtet. Der safe space soll eine Anlaufstelle für die Menschen sein, wo sie sich auf Ukrainisch und Russisch austauschen und das Erlebte verarbeiten können. Hier erhalten sie auch praktische Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten für den neuen Alltag. Es seien auch immer Psycholog*innen anwesend, die in der Muttersprache unterstützen könnten. „Aber es muss auch nicht geredet werden“, betont Svetlana „Die Menschen können auch einfach nur hier sein, zur Ruhe kommen, was essen und trinken.“ Auch mit „Quarteera“, einem Verband von russischsprachigen LGBTQI+-Menschen steht das PANDA in Verbindung und vermittelt so noch einmal gezielt Hilfe für queere Geflüchtete. Für Kinder gibt es Workshop- und Spieleangebote. Svetlana ist es ein großes Anliegen, auch noch für Jugendliche ein Programm anzubieten. Diese würden bei den Angeboten oft einfach durchfallen. Um die Menschen noch besser unterstützen zu können, wünscht sich Svetlana vor allem Zeit und Kapazitäten. Dass das Team trotz fast ausschließlich ehrenamtlicher Tätigkeit drei bis fünf Veranstaltungen pro Woche stemmt, ist wirklich eine beachtliche Leistung.

Mit Streaming erfolgreich durch die Pandemie

Auch in Corona-Zeiten konnte das PANDA diesen Output aufrechterhalten. Kurz bevor es mit dem Lockdown richtig losging hat das PANDA am 13. März 2020 schon das erste Konzert live gestreamt: „Wir waren überhaupt nicht vorbereitet und wussten bis zur letzten Minute nicht, ob es klappt, aber es hat alles wunderbar funktioniert“, freut sich Svetlana. Seitdem streamte das PANDA viele Veranstaltungen und hat dadurch auch viele neue Zuschauer*innen außerhalb Berlins gewonnen. Um im Panda hygienekonform Veranstaltungen durchführen zu können, war eine Lüftungsanlage unbedingt notwendig. Durch die NEUSTART KULTUR Förderung wurde dies ermöglicht.

Für die Zukunft des PANDAs hat Svetlana derzeit keine Wünsche, ihre Wünsche gelten im Moment allein den Menschen in und aus der Ukraine.