Was ist, wenn die Realität ein Leben auf der Straße ist und nicht in der Geborgenheit der eigenen vier Wände? Was bedeutet „zu Hause“? Diesen Fragen geht das Team von atelier-dreieck rund um Künstlerin Kerstin Schulz mit ihrem Schwarmkunstprojekt Ob(D)Acht – My home is my Castle nach. Förderreferentin Michaela hat das außergewöhnliche Projekt des Schwarmkunst e.V. in Hannover besucht.

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof kurz vor dem Ausstellungsgelände am Georgsplatz sehe ich sie bereits: Tausende von PET-Flaschen spiegeln sich in der Sonne, farbig anzuschauen, zu Türmen aufgebaut. Schon von weitem eine beeindruckende Konstruktion. Schwarmkunst nennt sich das, was von Anfang Juni bis Ende August in der Hannover Innenstadt der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Künstlerin, Ideengeberin und künstlerische Leiterin des Projekts Ob(D)Acht – My home is my Castle Kerstin Schulz klärt auf, was sich dahinter verbirgt: „Wir möchten gesellschaftspolitische Themen mit den Mitteln der Kunst hinterfragen. Die Schwarmkunst ist eine sozial interaktive Kunstrichtung, die professionell initiiert und angeleitet werden muss, sich dann aber selbstständig fortsetzt. Dabei entstehen erfahrungsgemäß intensive Kontakte unter den Schwarmkünstler*innen. Schwarmkunst ist ein niedrigschwelliges Angebot. Jeder kann mitmachen. Auch kleinste Beiträge summieren sich zu einem großen Ganzen.“

Kurzum: Die Schwarmkunst soll Menschen zu eigenem partizipatorischen und schöpferischen Tun motivierten, indem sie aktive Begegnung mit bildender Kunst durch öffentliche Mitwirkungsprojekte fördert. Schwarmkunst fördert die Zusammenarbeit, den Teamgeist, da nur gemeinsam das geschafft werden kann, was vorgesehen ist. Durch das gemeinsame Arbeiten an der Installation kommen Obdachlose, Passant*innen, Anwohner*innen und weitere Projektbeteiligte ins Gespräch. Das Ziel ist eine „sehende“ Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit und bestehenden gesellschaftlichen Werten. Die Kunstinstallation stellt Fragen in den Raum, die zum Diskutieren und Nachdenken anregen sollen.

Kerstin SchulzProjektleiterin Kerstin Schulz inmitten der PET-Flaschen-Burg

Die Bedeutung des Flaschensammlens für Obdachlose

Die Idee, sich mit dem Thema Obdachlosigkeit eingehender zu beschäftigen, basiert auf einer Begegnung der Künstlerin mit zwei Obdachlosen am Berliner Hauptbahnhof, als sie dort ein anderes Projekt begleitete: „Diese eine Woche am Bahnhof im Sommer 2019, bei fast 40 Grad, war sehr intensiv und ich habe viel über das Leben auf der Straße erfahren – auch wie immens wichtig das Flaschensammeln für viele Obdachlose ist. Das hat mich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit geführt und zu der Idee eine Burg aus PET-Flaschen zu bauen.“

Innerhalb von drei Monaten entstand eine mit Augeniris-Fotos beklebte PET-Flaschen-Installation. Die ursprüngliche Planung einer hohen Burg durfte aus Gründen der Sicherheit nicht umgesetzt werden. Daher wurde die Installation niedriger und in die Breite gebaut. Das Ergebnis ist dennoch beindruckend: Fünf etwa 3 Meter hohe Türme mit Burgmauern und Fenstern ergeben das Bild einer Behausung.

Vorbereitungs- und Bauphase: Aus PET-Flaschen wird Kunst

Kerstin Schulz legt noch letzte Hand an eine Umzäunung, damit die Besucher*innen der Ausstellungseröffnung, die an diesem Tag um 17 Uhr stattfinden wird, gut auf das mit Bauzäunen abgesperrte Gelände kommen. „Leider mussten wir unser Projekt mit Bauzäunen schützen, da es einige Male zur Zerstörung der Objekte kam und viele der PET-Flaschen geklaut wurden“, erzählt sie. „Wir haben es geschafft, mittels der Bauzäune und Videokameras das Projekt zu schützen, aber es ist schade, dass so etwas überhaupt sein muss“. Jetzt da der große Tag der Ausstellungseröffnung gekommen ist, bleibt Kerstin Schulz ruhig. Die Zeit der Vorbereitung und der Bauphase sei sehr viel intensiver gewesen. Und tatsächlich, was vorab geleistet wurde, ist ebenso beindruckend wie die Installation selbst. „Als im März die Förderzusage kam, mussten wir sofort loslegen“, sagt die Künstlerin. Der Bauplan für die Installation war schon fertig, musste aber einige Male umgeändert werden, bis die zuständige Behörde die Genehmigung erteilte. Erst dann konnte mit dem Aufbau der Gitterunterkonstruktion begonnen werden. Zudem musste die benötigte Anzahl PET-Flaschen beschafft werden. Ein Marathon im wahrsten Sinne, bei dem der Hannover Marathon eifrig mithalf, und es Unterstützung von den Kunstfestspielen Herrenhausen, der Caritas und Extaler gab. Schlussendlich gelang es, 40.000 PET-Flaschen zu erhalten.

PET-Flaschen mit IrisDas Ziel des Projekts ist eine sehende Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit

Am 4. Juni startete das Projekt auf dem Georgplatz. Viele Neugierige kamen zu den fünf Burgtürmen, zu diesem Zeitpunkt nur eine Holz- und Drahtkonstruktion, die in den kommenden Wochen mit den tausenden von PET-Flaschen bestückt werden sollten. Die ersten Flaschen wurden von Kerstin Schulz, Jan Tessmer und Lars Adolph von Schwarmkunst e.V., dem Träger des Projekts, eingedreht. „Bereits zwei Wochen später war der tipping point erreicht“, erinnert sich Kerstin Schulz. „Der Moment, wenn erkennbar wird, das etwas entsteht und der Prozess eine gewisse Dynamik erreicht“.

Schwarmkünstler*innen, Begegnungen und Streetwork

Während der Bauphase, die sich über die nächsten beiden Monate erstrecken sollte, gab es nicht nur Schwarmkunst, also das gemeinsame Eindrehen der Flaschen, und die Augenirisfotografie von allen jenen, die dabei mithalfen, sondern auch Beratungen auf dem Platz.
Die Caritas bot zweimal in der Woche eine Gesundheitsberatung für Obdachlose an, fast jeden Werktag war ein Sozialarbeiter vor Ort. Die Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Caritas Ramona Pold äußert sich begeistert: „Wir haben hier so viele gute und interessante Gespräche führen können, viel mehr und viel intensiver, als wir es jemals in unseren Büroräumen hätten tun können“. Auch die Straßenambulanz findet wöchentlich den Weg zu den Burgtürmen. Der Anwalt Andreas Sylvester von StiDu e.V. (Stimme der UNgeHÖRTen e.V.) richtete einmal wöchentlich eine ambulante Rechtsberatung ein.

Kerstin SchulzDie Schwarmkünstler*innen Peter, Kerstin und Klaus (v.l.n.r.)

Ein Schwarmkünstler der ersten Stunde, Klaus Ehlers, der täglich mit Leidenschaft Flaschen eindrehte, wurde von dem Projekt inspiriert, seine eigene Installation zu bauen. Sein Titel „Leben im Nichts“ soll darauf aufmerksam machen, dass Wohnungslose auf mehr verzichten müssen als nur auf die Wohnung, dass es ihnen auch an alltäglichen Gegenständen fehlt, wie Tisch, Stuhl, Schrank. Klaus Ehlers ist begeistert von dem Projekt: „Ich bin von Beginn an dabei, ein Ob(D)Acht-Schwärmer der ersten Stunde also. Ich hatte auch vorher schon eine gewisse Affinität zu Installationen und verfüge auch über einiges handwerkliches Geschick, aber es ist das erste Mal, dass ich im Rahmen eines professionellen Kunstprojekts mitarbeiten kann.“ Seitdem ist er täglich auf dem Platz und beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit, die er aus eigener Erfahrung kennt, und der Kunst. „Für einen wie mich, der so lange am unteren Limit leben musste, ist das eine wichtige Erfahrung.“

Das Finale: Ausstellungseröffnung und Nebenausstellungen

Am 4. August ist es dann soweit: Die 40.000 PET-Flaschen waren eingedreht, die meisten davon mit Irisfotografien versehen, und die Ausstellung wird offiziell eröffnet. Etwa 800 Personen hatten sich aktiv an der Schwarmkunst beteiligt, so Dr. Jürgen Rink von Schwarmkunst e.V. bei seiner Eröffnungsrede. Während der dreiwöchigen Ausstellungsphase werden weitere 1050 Besucher*innen zu den Veranstaltungen oder einfach zum Schauen vorbeikommen.

AusstellungseröffnungAusstellungseröffnung am 4. August 2022 auf dem Georgplatz in Hannover

Neben der eigentlichen PET-Flaschen Ausstellung waren bis zum 25. August noch weitere Parallelausstellungen auf dem Platz zu sehen, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt haben. Darunter die oben bereits erwähnte Installation von Klaus Ehlers „Leben im Nichts“.
Ulla Neubauer von der Zentralen Beratungsstelle Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes Hannover initiierte ein Projekt mit Wohnungslosen zum Thema Wohnungslos in Zeiten der Pandemie, bei der die Auswirkungen der Pandemie auf deren Leben dargestellt werden sollte. Es entstanden viele interessante Kunstwerke.
Die Fotografin Karin Powser zeigte ihre Fotoausstellung „Wohnkomfort in neuem Stil“. Sie selbst lebte bereits als Jugendliche auf der Straße, insgesamt 15 Jahre lang. Dann entdeckte sie per Zufall die Fotografie und begann, ihre Kumpels und ihr Umfeld zu fotografieren. Später fotografierte sie für Sozialdokumentationen. Mittlerweile sind ihre Bilder bundesweit in Ausstellungen zu sehen und mit Preisen honoriert.

Von dem Fotografen Thomas Deutschmann war die Ausstellung Ans Licht zu sehen. Er besuchte 1971 das Obdachlosenlager Vinnhorster Weg in Hannover und fotografierte dort über einige Monate. In den Baracken lebten damals mehr als dreihundert Menschen, darunter viele Familien mit Kindern. Aktuell ist er in einem weiteren Projekt dabei, die Kinder von damals ausfindig zu machen und zu sehen, was aus ihnen geworden ist – sie sozusagen „ans Licht“ zu bringen.

Überschattet wurde die Ausstellungseröffnung vom plötzlichen Tod Volker Kühns. Der ehemalige Schauspieler, seit einigen Jahren wohnungslos in Hannover lebend, war ebenfalls ein eifriger Schwarmkünstler. Vorgesehen war seine Lesung „Lass sich ja nicht mehr hier blicken“. Stattdessen hielt Peter Wefer, Schriftsteller und ebenfalls ehemals Obdachloser, eine bewegende Rede auf Volker Kühn.

„Der Abschluss und der Abbau werden sehr traurig werden“, sagt Kerstin Schulz mit Blick auf das Projektende. So sei es immer, wenn über längere Zeit sehr intensiv mit mehreren Menschen zusammengearbeitet wurde und alle sich in dieser Zeit ein Stück nähergekommen sind. „Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, Menschen kamen miteinander in Kontakt. Wir haben mit diesem Projekt zum Nachdenken angeregt – das war das Ziel.“
Ergänzende Lesungen, u.a. von Peter Wefer, sowie Gesprächsforen zum Thema Obdachlosigkeit rundeten die Ausstellung ab. Die Abschlussveranstaltung, bei der der Oberbürgermeister von Hannover Belit Onay Rede und Antwort stand, fand unter dem Motto „2030 – Keine Obdachlosigkeit in Hannover!?“ am 25. August statt.

In unserer Videoreihe Förder-ABC präsentieren wir euch wissenswerte und hilfreiche Informationen rund um die Förderung. In Folge 7 demonstriert Hanna, wie Rückzahlungen über das Online-Antragsportal getätigt werden können.

Wo früher Steinkohle gefördert wurde, locken heute zahlreiche Kulturveranstaltungen Besucher*innen auf das Gelände des Kulturreviers Radbod. Die ehemalige Zeche ist seit 2001 ein Ort des künstlerischen Schaffens und kulturellen Austausches. Förderreferent Ingo hat das soziokulturelle Zentrum im westfälischen Hamm besucht.

Als ich im Kulturrevier Radbod eintreffe, empfängt mich ein reges Treiben. Die Vorbereitungen für ein Street Food Festival laufen. Die Essensstände sind im Aufbau oder heizen schon die Öfen vor. Das alte Backsteingebäude mit Industriecharme wirkt robust, aber durch große Fenster und viel Freifläche drum herum sehr freundlich und einladend. Man spürt sofort, hier ist ein Ort für Partys, Kultur und alle möglichen Veranstaltungen. In strahlendem Sonnenschein, der alte Förderturm wirft seinen Schatten auf das Gelände, werde ich sehr herzlich von den Betreibern Lisa Wothe und Sven Kirner begrüßt. Bei lockerer Gesprächsatmosphäre und Kaffee vergeht die Zeit wie im Flug.

Förderatelier mit Entfaltungsmöglichkeiten

Ich bin sehr neugierig auf die geförderten Investitionen. Nach einem kurzen Kennenlernen gehen wir durch das alte Gebäude voller interessanter Ecken und Winkel. Im Erdgeschoss betrachten wir die Veranstaltungsräume und Gastronomie. „Hier werden regelmäßig Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Partys, Aufführungen und Workshops angeboten“, berichtet Sven Kirner.

LüftungsanlageBei „Radbod liest!“ verwandelt sich die Gastronomie des Kulturreviers in ein schummrig-schönes Wohnzimmer

© Jugend und Kultur e.V.

In der oberen Atelieretage betrachten wir – oder betrachten uns – großformatige Portaits, die noch von der letzten Ausstellung dort aufgehängt sind. Hier arbeiten mehrere namhafte lokale Künstler*innen. In regelmäßigen Abständen finden Ausstellungen statt und einmal im Jahr laden die Künstler*innen interessierte Besucher*innen zum „Tag der Offenen Ateliers“ ein. Besonders stolz ist man im Kulturrevier auf das „Förderatelier“, in dem aufstrebende Künstler*innen vollkommen miet- und kostenfrei Entfaltungsmöglichkeiten finden. Leider sind die Räume während meines Besuchs unbenutzt, aber die Schilderungen Kirners von erfolgreichen Ausstellungen und Workshops in dieser Etage lassen mich die Stimmung bei Normalbetrieb erspüren.

Radbod rockt!

Jeder Winkel des Baus wird genutzt, nicht zuletzt als Proberäume für Bands der Region. Regelmäßig präsentieren sich die ansässigen Bands bei Konzerten der Reihe „Radbod Rockt“ auf der Bühne
Unser Rundgang endet auf dem Außengelände auf dem sich mittlerweile ein buntes kulinarisches Angebot und erste Besucher*innengruppen tummeln. Hier locken verschiedene Feste, Festivals oder auch Märkte Besucher*innen an.

Open Air-Festival Run for CoverDie AC/DC-Coverband „AB/CD“ beim Open Air-Festival „Run for Cover“

© Jugend und Kultur e.V.

Bei kalten Getränken im Sonnenschein erfahre ich von Lisa Wothe noch mehr über die Arbeit des Kulturreviers Radbod: „Wir legen Wert darauf, Besucher jeden Alters anzusprechen und auf Abwechslung und Vielfalt. Etwa 15.000 Besucher*innen nehmen an den jährlich über 100 Veranstaltungen des Kulturreviers teil. Vom Heavy Metal-Nachwuchskonzert bis hin zum Seniorentanz, es ist für jede*n etwas dabei“. Da man mich hier so entspannt empfängt und Wetter und Gerüche passen, kommt bei mir tatsächlich Festival-Atmosphäre auf. Und es freut mich, dass wir über NEUSTART KULTUR – Programm das Kulturzentrum dabei unterstützen, den Veranstaltungen nach der Corona-Pause neues Leben einzuhauchen und neue Formate zu entwickeln.

Pandemie bedeutet auch: Man weiß nie, was als nächstes kommt

Wie überall hat auch hier die Pandemie große Probleme mit sich gebracht. Mit viel Engagement und Herzblut wird hier Kultur gemacht und die Herausforderungen schienen vorerst übergroß. Es konnten jedoch durch den Erstantrag NEUSTART KULTUR – Zentren u. a. Bühnenelemente finanziert werden, die flexibel die vorhandene Bühne ergänzen oder auch für Veranstaltungen in den Außenbereich nutzbar sind. Auf dieser Veranstaltungsfläche bieten seitdem Tische und Stühle feste Sitzplätze und damit genügend Abstände zwischen den Besucher*innen. Im Sommer draußen – an kühleren Tagen drinnen – können alle Neuanschaffungen flexibel genutzt werden und für jedes Veranstaltungsformat passend arrangiert werden. Die schlauen Konzepte und kreativen Lösungen des Teams machten mit überschaubaren Investitionen vieles möglich. Die Arbeit und verschiedene Veranstaltungen konnten weitergehen.

Dennoch brachte die Pandemie eine sich ständig verändernde Situation hervor und dauert schlicht viel länger, als zu erwarten war. Das bringt auch neue Schwierigkeiten und erfordert weitere Investitionen. Deshalb nutzte das Kulturrevier die Möglichkeit einer Aufstockung bei NEUSTART KULTUR – Zentren, um die Beleuchtung des Außengeländes zu optimieren. Nun sind mehr Veranstaltungen auch schon im Frühjahr und Spätherbst auf dem Außengelände möglich, da für sichere und ansprechende Beleuchtung in allen Ecken gesorgt ist.

Trotz guter Kooperation ist die finanzielle Ausstattung des Kulturreviers nie fürstlich gewesen. Deshalb freut es mich, dass wir diesen besonderen Kulturort – soweit im Rahmen von NEUSTART KULTUR möglich – unterstützen können. Mit ihrer Professionalität und immer der richtigen Idee zur richtigen Zeit werden die Betreibern bestimmt noch lange viele schöne Erlebnisse ermöglichen. Ich bin sicher, der Optimismus und die Tatkraft werden hier nicht so schnell ausgehen.

Ein Herzlicher Dank gilt dem Team für ihr Engagement und ihre Freundlichkeit bei meinem Besuch.


Autor: Ingo Nachtigall

Alle zwei Jahre befragt der Bundesverband Soziokultur seine Mitgliedseinrichtungen zu Situation und Perspektiven der soziokulturellen Zentren und Initiativen in Deutschland. In diesem Jahr widmet sich die Umfrage ausschließlich dem Thema Nachhaltigkeit. Ziel war es, neben einer Bestandsaufnahme Handlungs- und Unterstützungsbedarfe zu ermitteln.

Die Soziokultur ist bereit für den nachhaltigen Wandel: Jede zweite Einrichtung ist in der Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen tätig, 60 bis 75 Prozent treffen mehrheitlich nachhaltige Konsumentscheidungen. Trotz der großen Belastungen in der Pandemie hat die Soziokultur das Thema Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verloren.
Um ihr Aktivierungspotential in der Zivilgesellschaft voll entfalten zu können, braucht sie jedoch dringend gezielte Förderung von Sanierungs-Investitionen und personellen Kapazitäten sowie passgenaue Qualifikation und Beratung.

Hier geht es zum statistischen Bericht.

Die Soziokultur zeigt sich solidarisch mit den Menschen aus der Ukraine. Auch unsere geförderten Akteur*innen engagieren sich. Kitev – Kultur im Turm e.V. ist schon länger in der Geflüchtetenhilfe aktiv und auch mit den Menschen in der Urkaine verbunden. Ein Gastbeitrag von Agnieszka Wnuczak, kitev.

Die immer schon auch internationale Arbeit des kitev-Teams fand mit dem 2014 konzipierten Projekt „Refugees` Kitchen“ intensiv zusammen mit seiner lokalen Arbeit: Als 2015/16 die fahrende Küche gebaut und in Betrieb genommen wurde, geschah dies in Gemeinschaftsarbeit mit in dieser Zeit in Oberhausen ankommenden Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Eriträa und vielen anderen Herkunftsländern.

Und als die leider nur kurz vorherrschende Willkommenskultur in Deutschland nicht mehr allgemein geteilt wurde, setzte kitev 2018 ein neues und bis heute vielfarbig leuchtendes Zeichen auf dem Dach des höchsten Hochhauses im Bahnhofsquartier: „VIELFALT ist unsere Heimat“. Diese Schrift- und Licht-Skulptur des kitev-Mitbegründers Christoph Stark, die graphisch exakt den unweit sichtbaren Schriftzug „OBERHAUSEN – Wiege der Ruhrindustrie“ spiegelt, benennt als Motto ein wesentliches Movens und Telos aller kitev-Arbeiten – und zugleich einen historischen Fakt aller Kulturen, Nationen, Gemeinschaften und ganz konkret der Stadt Oberhausen, dessen junge Geschichte am präzisesten als eine von 175 Jahren Immigration zu beschreiben ist.

Lüftungsanlage„VIELFALT ist unsere Heimat“ leuchtet es von einem Hochhaus im Oberhausener Bahnhofsquartier

© Kultur im Turm e.V.

LEERSTAND – Ort der Begegnung

Seit Anfang 2021 ist kitev in Kooperation mit der Stadt Oberhausen, ihrem Kommunalen Integrationszentrum und mehreren lokalen Sozialträgern engagiert im NRW-Landesprogramm „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, welches jungen Geflüchteten mit prekärem Aufenthaltsstatus neue Möglichkeiten eröffnen soll. Kitev bietet hierfür in seinem Projekt „GEmeinsam NEu Aufbauen – GENAU“ diverse kreative Workshops an, die im Resultat gemeinsam den jüngst grundsanierten LEERSTAND in ein final kooperativ mit Neu-Oberhausener*innen betriebenes Café verwandeln sollen. Zugleich sind in diesem Projekt konkrete Hilfsangebote integriert: Verfahrensberatungen zum je individuellen Aufenthaltsstatus, Vermittlungen in Ausbildungen und Arbeit, Angebote zum Spracherwerb.

Der neu sanierte und gemeinsam mit den mitwirkenden Geflüchteten final neu zu erschaffende LEERSTAND wurde inzwischen bereits zu einem rege besuchten offenen Ort der Begegnung, des Austausches, der gelebten Solidarität und – für hieran Interessierte – der Vermittlung in weitere, insbesondere berufsqualifizierende Angebote.
Derzeit firmiert der LEERSTAND zwei Mal die Woche als offener Treff. Einmal wöchentlich wird zu thematischem Austausch eingeladen. An einem Vormittag gehört der Raum nur Frauen. Die Woche beschließt freitags ein Angebot zum gemeinsamen Kochen und Essen, gemäß des Mottos der Refugees` Kitchen: „Zu Hause ist, wo man zusammen isst.“ Es werden hier syrische, tunesische, äthiopische, irakische, iranische … und nun auch ukrainische Gerichte gemeinsam zubereitet und anschließend verspeist. Guten Appetit! Bon appétit! Nauttikaa ateriastanne! Smacznego! صحة وعافية! Приятного аппетита! Смачного!

Kooperation mit ukrainischer Kulturorganistation Kultura Medialna

Auf den Krieg gegen die Ukraine hat kitev umgehend reagiert. Seit 2015 ist kitev mit der Kulturorganisation Kultura Medialna aus Dnipro befreundet. Im Rahmen des Programms „Forum Regionum“ arbeiteten beide 2016 in Oberhausen, 2019 in Dnipro bei der Entwicklung eines neuen Soziokulturellen Zentrums intensiv zusammen.

Die Künstler:innenresidenz in Dnipro war der Startpunkt für den Umbau eines leerstehenden Gebäudes zu einem Kunst- und Kulturzentrum. Dieses erst jüngst erkämpftes, saniertes, kulturell geplantes Soziokulturelle Zentrum DCCC (Dnipro Center for Contemporary Culture) hat sich mit Beginn des offenen Krieges verwandelt. Bis zum 24. Februar 2022 veranstaltete das DCCC Ausstellungen, Festivals, Bildungsprogramme, eigene, städtische und andere Projekte. Jetzt betreibt ein Teil des Teams in Dnipro im DCCC ein soziales, pädagogisches und humanitäres Zentrum für Einheimische und Binnenflüchtlinge. Dort gibt es ein Spielzimmer für Kinder, einen Coworking-Bereich, einen Vortragssaal für Kinder und Jugendliche, eine Bibliothek und Büros von Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten. Weitere Mitglieder des Teams sind im westlichen Grenzbereich der Ukraine aktiv, andere befinden sich bereits im Exil.

Unsere Dialoge mit unseren Freund*innen und Partner*innen ergaben: Ihre nun primär humanitäre Arbeit soll nicht ihre einzige sein. Sie wollen weiterhin auch kulturell, künstlerisch arbeiten, als Teil ihrer Arbeit am Widerstand und für Aufklärung über die aktuelle Situation in der Ukraine.

Gemeinsam mit Kultura Medialna plant kitev daher bereits für Juni 2022 eine von seinen ukrainischen Partner*innen kuratierte Reihe öffentlicher Diskussionen und künstlerischer Präsentationen in Oberhausen.

Selbstorganisierte Verteil- und Sammelstelle für Geflüchtete

Ein anderes aktuelles Engagement für die von Krieg und Vertreibung betroffenen Menschen aus der Ukraine entstand nicht auf eigene Initiative von kitev, sondern durch Paul Ostapenko. Er kam vor zehn Monaten mit seiner Familie aus der Ukraine nach Oberhausen und nahm Kontakt zu kitev und seinem GENAU-Team auf, um sich Unterstützung bei der Suche nach einem Kindergartenplatz für seine Kinder zu holen. Heute sind Paul Ostapenko und seine Frau Katarina selbst große Unterstützer*innen vor Ort. Aufgrund ihrer Initiative wurde im mit kitev verbundenen Nachbarschaftszentrum Unterhaus eine Verteil- und Sammelstelle für Bedarfsgüter für aus der Ukraine geflüchtete Menschen eingerichtet. Zuerst sollten nur ein paar Kleider-Spenden zwischengelagert werden. Aber die großzügigen Spenden stapelten sich schnell bis unter die Decke der Räume. Durch Pauls und Katarinas Initiative und die Hilfe von neuen, nach Oberhausen geflüchteten Ukrainer*innen, gelang es schnell, eine selbstorganisierte Verteilungs- und Sammelstelle sowie einen Treffpunkt mit Kleiderausgabe zu etablieren. Kitev ist von Paul Ostapenkos Tatendrang und Organisationsgeschick begeistert und dankt ihm und seiner Frau Katarina für das Engagement und die Zusammenarbeit!


Weitere Informationen

Spendenaufruf des Dnipro Center for Contemporary Culture

Franziska Mohaupt ist Referentin für nachhaltige Entwicklung. In ihren Blogbeiträgen geht sie darauf ein, wie bei NEUSTART KULTUR – Zentren bei Investitionen auf Nachhaltigkeit geachtet werden kann. In ihrem zweiten Beitrag widmet sich Franziska der Fragestellung, wie sich Nachhaltigkeit schrittweise integrieren lässt und welche Vorüberlegungen hilfreich sind.

In diesem Beitrag stellen wir euch vor, wie ihr Nachhaltigkeit von Anfang an berücksichtigt. Wenn wir über Investitionen sprechen, wie ihr sie bei NEUSTART KULTUR beantragt, sprechen wir über Entscheidungen, die ihr bereits getroffen habt. Die Entscheidungen leiten sich aus euren Zielen und Planungen ab. Um nachhaltige Entscheidungen für Investitionen zu treffen, müssen wir also an den Anfang eurer Planung zurückgehen und schauen, welche Fragen ihr euch bei der Planung stellt und wie ihr das Thema Nachhaltigkeit systematisch in eure Planungen und Entscheidungen integrieren könnt.

Nachhaltige Entwicklung ist ein fortdauernder Prozess, den man besser gemeinsam im Team angeht. Dafür ist es hilfreich, sich bewusst dafür zu entscheiden, diesen Prozess anzugehen. Ihr könnt eure Entscheidung gemeinsam schriftlich ausformulieren. Damit geht ihr sicher, dass alle Bescheid wissen und die Entscheidung wirklich eine gemeinsame ist. Habt ihr eine Nachhaltigkeits-AG oder eine Person, der ihr die Aufgabe übertragen habt, diesen Prozess zu koordinieren? Denn auch wenn Nachhaltigkeit am Ende von allen gemeinsam umgesetzt wird, ist es wichtig, dass eine AG oder eine Person die Verantwortung für diesen Prozess hat und darauf achtet, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei allen euren Aktivitäten berücksichtigt werden. Dieses Mandat sollte die AG oder Person von der Geschäftsführung erhalten.

Franziska Mohaupt
Franziska Mohaupt ist Referentin für nachhaltige Entwicklung

Nachhaltigkeit ist kein Fass ohne Boden!

Sicher, man kann nicht alles auf einmal anpacken. Aber man kann anfangen. Am besten geht ihr schrittweise und systematisch vor:

Als erstes braucht ihr eine Übersicht darüber, wo durch eure Arbeit Ressourcen verbraucht werden und Kohlendioxid und Abfälle entstehen. Diese Bestandsaufnahme ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Nachhaltigkeitsmanagements. Wenn ihr einen Überblick habt, könnt ihr besser entscheiden, mit welchen Maßnahmen ihr beginnen wollt. Am besten geht ihr dafür die verschiedenen Tätigkeitsbereiche eurer Arbeit nacheinander durch. Welche Tätigkeitsbereiche es gibt, hängt davon ab, was ihr macht und wie ihr arbeitet. Für die verschiedenen Kulturbereiche gibt es in Handlungsleitfäden Vorschläge und Investitionen, wie ihr eure Organisation in Tätigkeitsbereiche unterteilen könnt. Diese findet ihr unter anderem beim Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien unter der Rubrik „Wissen“. Mögliche Tätigkeitsbereiche sind: Energie und Gebäude, Ressourcen, Catering, Mobilität, Abfall, Kommunikation. Vielleicht kommen bei einigen von euch noch Künstler*innenbetreuung oder Requisiten dazu. Die AG kann die Kolleg*innen in den verschiedenen Arbeitsbereichen bitten, zu prüfen, wo ökologisches Verbesserungspotenzial besteht. In diesem Prozess werden auch Entscheidungen für nachhaltige Investitionen vorbereitet. Ihr merkt schon, Investitionen sind ein Teil des Nachhaltigkeitsmanagements, aber ein wichtiger.

Ein Beispiel ist die Fete de la Musique, die jedes Jahr am 21. Juni stattfindet. Die Veranstalter*innen haben beschlossen, dass sie eine grünere Fete haben wollen, und sich sowohl fachliche als auch organisatorische Unterstützung gesucht. In einem ersten Schritt wurden die Musiker*innen, die diesem großen dezentralen Musikevent auftreten, gefragt, welche Themen sie bei der Umsetzung der Idee einer grüneren Fete de la Musique wichtig finden. Aufbauend auf der Umfrage hat das Nachhaltigkeitsteam Handlungsfelder festgelegt und eine Handreichung mit vielen guten Beispielen und Checklisten erarbeitet, die konkret zum Handeln anregt.

Schritt für Schritt – das ist wichtig: nehmt euch erst einmal eine Maßnahme vor, setzt sie um und überprüft den Effekt. Tatsächlich werden Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Veränderungen in den verschiedenen Bereichen eine Daueraufgabe sein. Dieser Prozess wird euch mit der Zeit immer leichter fallen – denn ihr werdet mit jeder gelösten Aufgabe kompetenter.

Was hat dies nun mit Beschaffung zu tun?

Investitionen im Rahmen von NEUSTART KULTUR dienen dafür, Kulturangebote pandemiesicher zu machen. Trotzdem könnt ihr euch zu zwei Zeitpunkten Fragen aus Nachhaltigkeitsperspektive stellen – bei der Planung von Maßnahmen, also am Anfang eures Prozesses, und bei der Auswahl der Dinge, in die ihr investieren wollt.

Bei der Planung der Maßnahmen solltet ihr prüfen, welche Investitionen wofür gebraucht werden und wie und wie oft ihr die Anschaffungen tatsächlich nutzen werdet. Eine wichtige Frage ist auch, ob ihr die Investitionen auch dann nutzen könnt, wenn es keine Pandemieauflagen mehr gibt.

Bei der Auswahl der Dinge, die ihr am Ende beschaffen wollt, könnt ihr auf Produkteigenschaften achten wie z.B. Langlebigkeit, Energieverbrauch oder Inhaltsstoffe. Hier helfen Ökosiegel, Angaben zur Energieeffizienz zum Herkunftsland bei der Entscheidung.

In unserer Blogkategorie #projektstimmen kommen über NEUSTART KULTUR beim Bundesverband Soziokultur geförderte Projekte selbst zu Wort.

Von: Johanna Homburger, ROXY gGmbH

Das soziokulturelle Zentrum ROXY in Ulm hat während der Pandemiezeit das Musikfestival FEMTASTIQUE veranstaltet, welches Frauen in der Musikbranche in den Vordergrund rückt und von Frauen veranstaltet wurde.

Das ROXY in Ulm ist eines der größten soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg. In Nicht Corona-Jahren besuchen rund 80.000 Besucher:innen die alten Fabrikhallen.
Dabei werden verschiedene Zielgruppen mit den rund 250 Veranstaltungen erreicht, denn die angebotenen Genres reichen von Konzerten, Comedy, Kabarett über Lesungen, Märkte und Theater zu Tanz, Diskussionsrunden und Partys. Vier verschiedene Hallen bieten jeweils die passende Spielstätte – ein Außenbereich ermöglich im Sommer zudem einen Biergartenbetrieb mit einer Seecontainerbühne.
Neben vielen bekannten und aufstrebenden Acts ist das ROXY Kooperationspartner für verschiedene Akteur:innen der Region sowie Ermöglichungsort für kleinere Produktionen – in den letzten Jahren mit einem Schwerpunkt auf dem Bereich zeitgenössischer Tanz.

Bis zu Pandemiebeginn war das ROXY Anlaufstelle für viele Kulturinteressierte aus Ulm, der Region und darüber hinaus. Am 12. März 2020 fand dann das letzte reguläre Konzert statt, in der Nacht noch wurde die Veranstaltung vom 13. März abgesagt und danach war der Kalender zunächst leergefegt.

Nach der anfänglichen Überforderung und der Bewältigung der ganzen Verschiebungen, Absagen und Ticketrückabwicklungen haben wir schnell den Entschluss gefasst, nicht ganz zu verschwinden und begannen bereits im April 2020 mit den ersten Live-Streams. Der Sommer war zum Glück gnädig, sodass wir unseren Biergarten öffnen und unsere Bühne im alten Seecontainer bespielen konnten. Im September und Oktober konnten auch indoor wieder einige Veranstaltungen stattfinden. Nur im November 2020 hatten wir gar kein Angebot, im Dezember fingen wir wieder mit Live-Streams an – bis wir im Juni 2021 wieder draußen veranstalten konnten.

Das hat dazu geführt, dass wir uns im Streamingbereich nach und nach sicherer gefühlt haben, unser Equipment über Förderungen erweitern und uns somit erheblich weiterbilden konnten.

FEMTASTIQUE – we celebrate women in music: Konzerte, Panels & Workshops

Unabhängig von der Pandemie gab es die Idee, dass wir ein Musikfestival veranstalten wollen, das Frauen in der Musikbranche in den Vordergrund rückt. Sowohl auf den Bühnen als auch dahinter herrscht nach wie vor ein Ungleichgewicht. Zum einen sind es die Jobs, die nicht Männern vorbehalten sein sollten, sondern auch Vorbilder, die an junge Menschen gesendet werden können. Wir haben die Projektförderung beantragt, um ein solches Festival durchzuführen – und damit die Gagen und Honorare zu sichern. Uns war es wichtig, das Vorhaben pandemieunabhängig durchführen zu können. Bis wenige Wochen vor dem Start hatten wir uns offen gelassen, ob es Konzerte mit Livepublikum sein können oder wir doch streamen. Leider ließen die Inzidenzen in Ulm Ende Mai 2021 noch keine Besucher:innen zu.

Wir haben zehn Bands gebucht, die zumindest female fronted sind. Somit konnten wir uns über ein abwechslungsreiches LineUp freuen: Antje Schomaker, Mariama, Ätna, Madanii&Llucid, Blond, Francis of Delirium, Sofia Portanet, Ikan Hyu, Ilgen-Nur und Umme Block spielten vom 27. – 30. Mai 2021.

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Mariama – Teil des LineUps

Foto © Diana Mühlberger/ getbackstage

Zudem gab es ein Panel zum Thema „“It fucking is gonna change!“ (Kate Nash) – Frauen im Musikbusiness“ mit den Speakerinnen Agnes Stamml (Save The Day Management / Netzwerk we__are__a__lot), Gloria Robenek (Angst-Booking), Jennifer Beck (Missy Magazine) und Diana Ezerex (Singer-Songwriterin), moderiert von Caro Matzko.

Darüber hinaus wurde noch ein Intensiv-Workshop angeboten. Dieser richtete sich gezielt an junge Frauen in der Musikberufswelt und diente dazu, Gender-Barrieren zu reflektieren und diesen auf individuelle Weise proaktiv entgegenzutreten. Es wurden darüber hinaus Strategien erarbeitet, eigenes Potential besser entfalten und umsetzen zu können. Die Schwerpunkte lagen auf Vernetzung, Lösungsorientierung und Empowerment. Geleitet hat den Workshop Wirtschaftspsychologin B.A. Tanja Queckenstedt.

Umsetzung des Projekts: Frauen wirken gemeinsam

Abgesehen vom Programm war es uns ein Anliegen, auch die Durchführung in Frauenhand zu legen. Somit wurden alle Positionen mit ROXY-Mitarbeiter:innen und zusätzlich mit Freiberuflichen besetzt. Letztlich waren wir ein Team von 14 Frauen, die folgende Disziplinen abgedeckt haben:

Booking, Organisation, Grafik, FOH, Monitor, Stagehand, Stagemanagement, Licht, Catering, Künstler:innen-Betreuung, Öffentlichkeitsarbeit, Kameraführung, Bildregie, Fotografie, Corona-Tests und Finanzen.

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Hygienekonzept vor Ort

Foto © Diana Mühlberger/getbackstage

Die Konzerte sowie das Panel wurden am jeweiligen Tag ab mittags aufgenommen und abends über YouTube und Facebook ausgespielt. Somit konnte der Kontakt zwischen den Teilnehmenden so gering wie möglich gehalten werden und niemand musste auf einen ordentlichen Soundcheck verzichten. Denn ein gestreamtes Konzert verzeiht Tonschwächen weniger als live.

Die Konzerte behielten einen exklusiven Charakter, da sie jeweils nur für 24 Stunden abrufbar bleiben, das Panel ist nach wie vor auf dem YouTube-Kanal vom ROXY zu finden.

Der Workshop konnte online stattfinden, somit konnten auch Teilnehmerinnen aus dem ganzen Bundesgebiet dabei sein.

Finanzierung

Uns war es wichtig, das Projekt auf jeden Fall durchführen zu können, denn ein Einreihen in die Verschiebewelle hätte mit einem zehnköpfigen Lineup nicht funktioniert. Die Förderung ermöglichte es uns, ein Programm anzubieten, das nicht auf Ticketeinnahmen angewiesen war. Selbst wenn wir hätten vor Livepublikum spielen können, wäre zum Zeitpunkt dieser Entscheidung nicht genug Zeit gewesen, ausreichend Tickets zu verkaufen.

Weiter war uns wichtig, dass sich auch alle Freischaffenden sowie die Musiker:innen auf diese Gage verlassen konnten – für viele war es der erste Job seit einer sehr langen Zeit.

Und wie war das so? Eine Bilanz

Das Projekt war auf mehreren Ebenen ein Erfolg. Alle Künstler:innen waren sich einig, dass es eine sehr besondere Atmosphäre war, vor Ort nur mit Frauen zu arbeiten. Einige haben die Zeit bei uns als viel entspannter erlebt, da sie leider oft mit Mansplaining oder dummen Sprüchen zu kämpfen haben. Auch über das Thema „Frausein im Musikbusiness“ haben sich spannende Gespräche ergeben.

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Pausenzeit

Foto © Diana Mühlberger/getbackstage

Weiter hat das Projekt sicher viele dazu gebracht, sich mit dem Ungleichgewicht in der Branche auseinanderzusetzen und bewusster zu werden. Besonders haben wir uns über die Nachricht eines DJs gefreut, der nach unserem Festival seine Songauswahl hinterfragt hat und nun nur noch eine ausgeglichene Mischung anbieten möchte.

Auch beruflich hatte das Festival Auswirkungen: Durch das Netzwerk, das durch die vier Tage entstanden ist, konnten bereits Jobs an Freischaffende vermittelt werden, die sonst vielleicht nicht angefragt worden wären.

Das ROXY ist selbst noch nicht bei einem ausgeglichenen Programm angekommen – leider wird das auch noch eine Weile dauern, bis alle pandemiebedingten Termine sowie das bereits gebuchte Programm abgespielt sind. Trotzdem hat das Festival intern bereits viel angeregt und in Zukunft wird man auch die Auswirkungen am allgemeinen Programm sehen. Denn „Frauen in der Musik“ ist kein Genre und sollte perspektivisch auch keinen Projektcharakter tragen (müssen). Bis dahin machen wir weiter und planen ein FEMTASTIQUE Nummer 2.

Der Oberhausener Verein kitev nutzt auch und gerade in Pandemiezeiten ein ehemaliges Industriegelände, um Menschen zusammenzubringen. Die Fördermittel durch NEUSTART KULTUR haben der Digitalisierung des Vereins Anschub verliehen und die pandemiegerechte Umgestaltung der Räumlichkeiten ermöglicht.

Erdnüsse und Chips? Ich sitze mit rauchendem Kopf über einem zu prüfenden Beleg eines Verwendungsnachweises und versuche, die nicht-förderfähigen Snacks von den drei bewilligten vollautomatischen Sensor-Touch-Hygienestationen zu trennen. Da fällt mein Blick auf die Uhr. Zeit, den Essener Schreibtisch zu verlassen und sich eine geförderte Kultureinrichtung mal vor Ort anzuschauen. In der Praxis, ganz abseits der digitalen Akten, wie aufregend!

Der Bus 143 rattert vorbei an Büdchen, Kiosken und Trinkhallen – die man hier im Ruhrgebiet auf keinen Fall „Späti“ nennen darf – und spuckt mich schließlich am Oberhausener Hauptbahnhof aus. Und da ist er, der ehemalige Wasserturm, der dem soziokulturellen Zentrum kitev – was für „Kultur im Turm e.V.“ steht – als Hauptquartier dient. Seit 2006 gestaltet der Verein in Oberhausen ein vielfältiges Programm rund um Kunst und Kultur und adressiert damit immer auch die direkte Nachbar*innenschaft.

Ich werde von den drei Mitarbeiter*innen Markus Kötting, Gianna Gardeweg und Stefan Schroer fröhlich in Empfang genommen und Stück für Stück in die Historie des Vereins eingeführt und dabei zu den verschiedenen Spielstätten rund um den Bahnhof geführt.

Aus alt und stillgelegt mach Kultur!

Angefangen hat alles mit den Künstler*innen und Architekt*innen Agnieszka Wnuczak, Christoph Stark und Stefan Schroer, die den Auftrag bekamen, die im Jahr 1996 stillgelegten Bahngleise 4 und 5 des Oberhausener Bahnhofs zu einem Museumsbahnhof umzugestalten. Der Bahnhof, der 1847 eröffnet wurde und damit älter als die Stadt Oberhausen selbst ist, wurde damit auch zur Open-Air-Spielstätte für Kunst und Kultur.

kitev Museumsbahnsteig Gleis 4 und 5 am Bahnhof Oberhausen

Foto © Pia Sollmann / Bundesverband Soziokultur e.V.

Schnell fällt mein Blick vom leeren Bahnsteig auch auf den gegenüberliegenden Turm im Bahnhofsgebäude. Früher diente dieser einem großen Wasserspeicher für die alten Dampfloks, die anderen Räume wurden als Büros und Übernachtungsmöglichkeiten für die Schaffner*innen genutzt. Durch technischen Fortschritt war der Wasserspeicher bald nicht mehr nötig, die Räume leerstehend und die Künstler*innen sahen in dem alten Turm einen perfekten weiteren Standort für die Oberhausener Kultur. Mit der Deutschen Bahn wurde ein Nutzungsvertrag ausgehandelt, der noch bis mindestens 2040 läuft und über den die kitev-Mitglieder sehr erfreut sind – eine Situation, von der viele Kultureinrichtungen nur träumen können.

Ich freue mich, dass die bewilligten Mittel dadurch noch lange an Ort und Stelle ihren Zweck erfüllen dürfen und die detaillierten – für die Antragsteller*innen sicherlich oft aufreibenden – Nachfragen in der Antragsbearbeitung ihren Sinn hatten.

kitev Wasserturm und kitev-Zentrale vom Museumsbahnsteig aus betrachtet

Foto © Pia Sollmann / Bundesverband Soziokultur e.V.

Vielfältige Kulturangebote für Oberhausen und das Ruhrgebiet

Vom Turm aus organisiert kitev nun das Programm im Turm selbst, auf dem Museumsbahnsteig, in einem leerstehenden „Supermarkt der Ideen“, im „Unterhaus“ sowie bei Bedarf in der ganzen Stadt. Der Verein und die Stadt profitieren von verschiedenen Förderprogrammen, deren Ziel es ist, den Strukturwandel im Ruhrgebiet voran und es mit Kultur wieder zum Glänzen zu bringen.

Und davon haben natürlich auch die Nutzer*innen der zahlreichen kitev-Angebote etwas: die „Refugees‘ Kitchen“ ist eine von Geflüchteten, Künstler*innen und geflüchteten Künstler*innen gebaute und betriebene mobile Küche, die von Ort zu Ort zieht und durch das gemeinsame Kochen und Essen Menschen zusammen und ins Gespräch bringt.

Die Freie Universität Oberhausen – übrigens gefördert im Programm UTOPOLIS – setzt dem Mangel an Universitäten oder Fachhochschulen in der Stadt etwas entgegen. Hier sind alle Menschen eingeladen, sich in verschiedenen Bereichen, von Upcycling über Gärtnern bis hin zu Migrationsthemen, fortzubilden oder selbst etwas zu lehren – und das geht hier sogar ohne Grundschulabschluss.

Im „Unterhaus“, dem Ladenlokal des sogenannten „Oberhauses“, einem Wohnhochhaus, das immer wieder als problematisch wahrgenommen wird, ist ein Kieztreff entstanden. Hier können Gruppen Treffen abhalten und es gibt KüfA (Küche für Alle) zum kleinen Preis, die die Bewohner*innen des stigmatisierten Hauses, Nachbar*innen und kulturell Interessierte zusammenbringen will.

Weitermachen trotz Corona

Die Corona-Pandemie kam den zahlreichen Vorhaben von kitev natürlich in die Quere. Veranstaltungen, Kurse, Workshops und Nachbarschaftstreffs mussten abgesagt werden. Je nach Pandemielage konnten noch Angebote stattfinden. Online-Angebote waren oftmals keine Alternative, da viele der Nutzer*innen nur im Direktkontakt auf der Straße abzuholen sind und durch Online-Angebote nicht angesprochen würden. „Immerhin hatten wir Glück im Unglück“, so Markus Kötting, „als Verein mit ohnehin ausschließlich kostenfreien Veranstaltungen, sind wir nicht von Eintrittserlösen abhängig“.

Mithilfe der Mittel durch NEUSTART KULTUR – Zentren konnten jedoch Angebote aufrechterhalten werden. Luftreiniger, ein leistungsstärkerer Internetzugang und eine erneuerte Website ermöglichten die Weiterarbeit vor Ort und digital und außerdem neue hybride Theaterformate. Durch ein neues Lichtleitsystem konnte der Museumsbahnhof im Sommer auch verstärkt als pandemiesichere Kulisse für Theateraufführungen und Open-Air-Kino genutzt werden.

kitev Filmvorführung auf dem Museumsbahnsteig

Foto © kitev e.V.

Was Gianna Gardeweg, Markus Kötting und Stefan Schroer von kitev aus der Coronazeit mitnehmen, ist die gute Vernetzung, sowohl technisch als auch menschlich und institutionell, die sie in Pandemiezeiten weiter ausgebaut und umgesetzt haben. Abgesehen davon kann aber gerne schnell alles wieder pandemiefrei werden und es zurück zu vollen Küfa-Abenden, vollen Workshops und Seminaren mit ganz viel Kontakt gehen – denn davon lebt sie ja, die Soziokultur.

Völlig erschöpft von meinem Ausflug bin ich dann wieder in den 143er-Bus gestiegen und an den Schreibtisch zurückgekehrt. Erstmal wieder einen Beleg prüfen und runterkommen – von so viel Soziokultur in der Praxis.

In unserer neuen Videoreihe Förder-ABC präsentieren wir euch wissenswerte und hilfreiche Informationen rund um die Förderung. In der ersten Folge widmet sich Xenia dem förderunschädlichen vorzeitigen Maßnahmebeginn (VMB). Sie erklärt, was zu beachten ist, wenn ein VMB bewilligt wurde.

Folgende Themen werden behandelt: