Von NEUSTART KULTUR geförderte Kulturveranstalter*innen und Betreibende von Kultureinrichtungen mit fester Bestuhlung können bei der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG) ein Zertifikat über die Lufthygiene in ihren Räumlichkeiten beantragen.

Das seit 15. September 2022 bestehende Zertifikat kann dazu beitragen, Besucher*innen von Kulturveranstaltungen die Sorge vor Gesundheitsrisiken zu nehmen und dadurch mehr Gäste zu Veranstaltungen zu locken. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) hat für das Zertifizierungsverfahren 6 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Geäußerte Bedenken, dass ein Zertifikat künftig zur Bedingung für den Erhalt einer Förderung gemacht werden könnte, wurden seitens der BKM entkräftet, dazu gebe es keinerlei Planungen.

Darüber hinaus bietet die DTHG eine Selbstprüfung an. Diese Prüfungsmöglichkeit erfolgt durch eine digitale Checkliste auf der Website der DTHG und steht allen soziokulturellen Zentren kostenlos zur Verfügung.

Sowohl das Zertifikat wie auch das Selbstprüfungs-Label können im Eingangsbereich gut sichtbar angebracht werden, um das Publikum direkt beim Einlass oder Kartenkauf über den Hygienestandard des Hauses zu informieren.

Mehr Informationen findet ihr auf der Website der DTHG

Auch im Jahr 2023 führen wir unser Schwarmwissen weiter, das als monatlicher, offener Treff stattfinden wird. Der Treff bietet euch die Möglichkeit, bereits besprochenen Themen wie Investitionen, Resilienz, Formate oder Kooperationen gemeinsam weiter zu vertiefen oder auch neue Themen aufzugreifen. Unser erstes Treffen in diesem Jahr wollen wir dazu nutzen, für das erste Halbjahr Themen und Termine festzulegen, die im Anschluss auch hier auf der Website zu finden sind.

Zu einem Wiedersehen und neu Kennenlernen seid Ihr herzlich eingeladen! Wir treffen uns im digitalen Raum:

Donnerstag, den 26.01.2023 von 14 – 16 Uhr
Zugangs-Link: https://us02web.zoom.us/j/84721452981?pwd=MGd5dEtiK3hWcmJpRUNEb2JiVEhYQT09
Meeting-ID: 847 2145 2981
Kenncode: 828584

Nur zu Fuß erreichbar, uralt und nun wiederentdeckt. Das ist der Waldschlucht Baustellenkiosk in Bad Kohlgrub, einem kleinen oberbayerischen Dorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Karola Woll macht sich auf den Fußweg, um mehr darüber zu erfahren, wie diese städtische Idee für ein Kulturzentrum auf dem Land unter Beteiligung der Anwohner*innen umgesetzt wird.

Mein Weg beginnt am Parkplatz des Sportplatzes in Bad Kohlgrub. Von hier aus geht es nicht mehr mit dem Auto weiter, sondern, wie für alle Besucher*innen des Waldschlucht Baustellenkiosks, zu Fuß. Eine Schiefertafel weist mir den Weg, der mich über einen unasphaltierten Waldweg in den Wald führt. Die Sonne ist schon fast untergegangen und die Strecke zum Baustellenkiosk ist dunkel und unbeleuchtet. Später lerne ich, dass es dafür einen sehr guten Grund gibt: die Tiere und das Leben im Wald sollen nicht durch Beleuchtung gestört werden. Dieser Respekt vor der Natur und der Einbezug der lokalen Bevölkerung sind bezeichnend für das Konzept des Waldschlucht Baustellenkiosks, das folgendem Prinzip folgt: Die Idee, die in einer Stadt, nämlich in München, geboren wurde, soll in Einklang mit dem stehen, was auf dem Land schon lange vor der Idee vorhanden war – nämlich den Bewohner*innen und natürlich der Natur.

Rosi war vor rund hundert Jahren die gute Seele des damaligen Waldcafés

Rosi von früher

Nach einem zehnminütigen Fußmarsch durch den dunklen Wald mit beruhigender Soundkulisse sehe ich Licht. Vorbei an einem kleinen Naturpool empfangen mich kleine Büdchen und Zelte, liebevoll hergerichtet aus gebrauchten Materialien und mit Sitzmöbeln bespickt. Auf der kleinen Bühne spielt eine Band Hard Rock. An der Theke des Verpflegungsbüdchens, das für seine leckeren hausgemachten Pommes bekannt ist, entdecke ich das Bild einer alten, herzlich aussehenden Dame. Sie serviert lächelnd Kaffee und Kuchen und strahlt Wärme und Geselligkeit aus.  „Das ist Rosi. Sie war die gute Seele des Waldcafés“, meint Charlotte Höltzig, die den Waldschlucht Baustellenkiosk leitet und mir alle interessanten Dinge zur Entstehung und zum Betrieb der Kulturstätte erzählt.

Denn an diesem faszinierenden Ort in den Bergen, umgeben von Grün, Idyll und Ruhe, gab es schon in den 1920er Jahren ein Café mit Waldbühne. Es war, wie heute wieder, ein beliebtes Ausflugsziel im Ammertal. Bereits damals lockten Theater, Musik, Freibad, Kuchen und Zusammenkommen die Bewohner*innen aus den umliegenden Dörfern an. Lange Zeit lag dieser Ort der Geselligkeit brach, bis die Brüder Julian und Daniel Hahn ihn wiederentdeckten. Die beiden Geschäftsführer etablierten bereits in München mit viel Kreativität, Mut und vor allem Erfolg die Kulturbetriebe Gans woanders, Gans am Wasser, Café Lozzi und die Alte Utting. Mit dem Reiz, dass hier viel mehr Platz vorhanden ist als in der Stadt, verfolgen Julian, Daniel sowie Charlotte die Vision, auf dem Land eine Kulturstätte mit Einflüssen zu bieten, die ein bisschen anders sind.

Hier können sich Besucher*innen von einem Waldspaziergang ausruhen, plaudern oder ein Konzert besuchen | © Nina Vogl

Bayerische Weltmusik und Kunsthandwerk von heute

Und diese etwas anderen Einflüsse findet man unter anderem im Musikprogramm: von Skandinavischen Klängen, Latin-Pop, Salsa, Electronic Music, Lo-fi, über Bayerisch Italo-Folk, Experimental Indie Folk, Bayerisch Blues, Global Beats, bis Rock, Pop und Punk. Alles dargeboten von Musiker*innen und Bands aus der Region, die teilweise schon 20 oder 30 Jahre existieren. So ist die Verbindung zum bereits Vorhandenen hergestellt. Und diese ist außerordentlich harmonisch. Charlotte erzählt mir, dass die Beziehungen zu den Bands sehr persönlich sind und auch mit anderen Kultureinrichtungen enge Kollaborationen bestehen, wie beispielsweise mit dem Forum Westtorhalle e. V. aus dem naheliegenden Murnau.

Neben dem musikalischen Bühnenprogramm finden unter der Rubrik „Waldzeit“ Workshops in Landart, Linoldruck oder Basteln und gemeinschaftliche körperliche Aktivitäten statt. Schon die ganz Kleinen werden in einem Kinderprogramm mit Basteln, Schminken, Naturmaterialien und Upcycling an Kultur und Natur herangeführt. Die Workshopleiter*innen sind natürlich ebenfalls aus der Region, einem Landstrich, in dem Kunsthandwerk überall sichtbar ist und gelebt wird, zum Beispiel in der Bildhauerei. Daher sind Kunst und Kultur hier fest im alltäglichen Tun integriert und eingebunden.

Die Kulturstätte arbeitet in Respekt mit Natur und Umgebung

Alles ist miteinander verbunden – Zusammenhalt

Im Großen wie im Kleinen unterstützen die Bad Kohlgruber*innen den Waldschlucht Baustellenkiosk, wie auch der Bürgermeister, der genau wie viele Anwohner*innen zur Eröffnung im Sommer 2021 kam. Zehn Bad Kohlgruber*innen halfen sogar, den schweren Werkzeugträger, der normalerweise von einem Auto gezogen werden muss, vom Gelände zu schieben, damit die Feier noch gemütlicher werden konnte. Hier kennt man sich untereinander und trifft sich zum Austausch, Beisammensein und um unterschiedliche Sichtweisen auszudiskutieren. Der Waldschlucht Baustellenkiosk scheint dafür der ideale Ort zu sein: Er versammelt viele verschiedene Leute um sich und fördert Gemeinschaft und Zusammenhalt. Es herrscht eine aufgeschlossene, ruhige und tolerante Atmosphäre.

Und ich glaube, Rosi würde das heutige Programm und das Konzept ihrer einstigen Wirkungsstätte sehr gefallen. Eine Idee aus der Stadt, gepaart mit Respekt vor der Natur und Einbeziehung vorhandener ländlicher Strukturen, haben den Waldschlucht Baustellenkiosk zu einer prosperierenden Stätte für kulturelle Teilhabe gemacht.

Wickelfalzrohre, Luftreiniger und Tontechniker*innen – unsere Förderung ist so bunt, wie die Soziokultur selbst. Unsere Geförderten haben in den vergangenen Pandemie-Jahren angepackt und mit unserer Unterstützung den Neustart möglich gemacht. Mit Kreativität gestalten sie die Zukunft der Soziokultur. Gemeinsam und im Austausch können so auch kommende Krisen bewältigt werden.

Das Team von NEUSTART KULTUR beim Bundesverband Soziokultur wünscht euch Zuversicht, Gesundheit und Frieden für 2023. Wir freuen uns darauf, euch auch im vierten Jahr unserer Förderung interessante Menschen, Geschichten und Ideen rund um unsere Förderung zu präsentieren.

Seit sieben Jahren veranstaltet der Bremer Verein KulturKraken den Wintermarkt „Lichter der Neustadt“. Förderreferentin Pia hat den Markt – der eigentlich ein Festival ist – besucht und sich von Vereinsmitglied Victor Frei die Neuerungen, die mithilfe der NEUSTART KULTUR-Mittel möglich waren, zeigen lassen.

Der Mond leuchtet hell über dem kleinen Park der Wallanlagen in der Bremer Neustadt. Einmal kurz über den Hügel, am weihnachtlich geschmückten Südbad vorbei, sehe ich sie schon von weitem: hochgewachsene, hell erleuchtete, elfengleiche Fabelwesen. Die wunderschönen, in weiß gekleideten und mit Lichterketten geschmückten Kreaturen locken, auf ihren Stelzen balancierend, Vorbeigehende zum Eintritt in den Wintermarkt Lichter der Neustadt.

Leuchtende Fabelwesen auf Stelzen locken die Besucher*innen

Eine Gold werte Förderung in Pandemiezeiten

Die Lichter der Neustadt werden nun seit sieben Jahren vom Verein KulturKraken veranstaltet. Zehn bis 14 hauptsächlich ehrenamtliche Kulturliebhaber*innen stellen hier für zwei Wochen lang ein tolles Programm auf die Beine. Victor Frei, erster Vorsitzender des Vereins, empfängt mich zu einer kleinen Tour am liebevoll mit Lichterketten und Holzschnitzereien verzierten Haupteingang des Marktes. Ich freue mich, die bewilligten Investitionen – von Holzzäunen, über Flammenprojektoren bis hin zu Licht- und Bühnentechnik – jetzt am Ort ihrer Bestimmung im Einsatz zu erleben.

„Also für uns war die NEUSTART KULTUR-Förderung wirklich Gold wert. Ohne hätten wir das alles in dem Maße gar nicht machen können“, erzählt Victor. Er berichtet von den Anfängen des Marktes vor sieben Jahren an der Wilhelm-Kaisen-Brücke, auf einem kleinen Platz vor dem PAPP-Café. Unter Coronaauflagen wäre der Markt, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut hat, dort nicht möglich gewesen. Ein Umzug war also notwendig und nach lokaler Recherche wurde schließlich die Fläche vor dem Südbad gefunden.

Unter Einhaltung von Grünflächenschutzmaßnahmen darf der Markt hier nun seit zwei Jahren stattfinden. „Im letzten Jahr hatten wir hier noch lange Schlangen vorm Eingang, wegen der Einlassbeschränkungen. Aber dadurch wissen wir jetzt immerhin, wie viele Gäste wir hatten, das waren 15.000!“, berichtet Victor stolz. Die Förderung kam außerdem zum richtigen Zeitpunkt, ergänzt er. „Das Holz, das wir für die Umzäunung im letzten Jahr gekauft haben, hätten wir uns in diesem Jahr gar nicht mehr leisten können, wegen der gestiegenen Preise.“

Victor Frei von den KulturKraken

Kleine winterliche Alltagsflucht für Alle

Wir schlendern über den Markt, vorbei an bunten Buden und in Regenbogenfarben angestrahlten Bäumen. Hoch oben funkeln Diskokugeln und legen einen Zauber über die fröhlichen Gesichter der Besucher*innen. Mit den Lichtern der Neustadt wollen die KulturKraken ein kostenloses winterliches Kulturprogramm für alle anbieten. Der Markt soll eine Alternative zu kommerziellen Weihnachtsmärkten sein und ist bewusst nicht religiös. Victor erzählt, dass sie sich mittlerweile mehr als Festival verstehen: „Das ist hier ein Ort, um einfach mal ein bis zwei Stunden oder mehr dem Alltag zu entfliehen.“ Deswegen haben sich die KulturKraken auch dazu entschieden, den Holzzaun, der das Gelände einrahmt, trotz weggefallener Besucher*innenbeschränkungen stehen zu lassen. „Dieser Zaun macht hier so eine schöne Dorfatmosphäre.“

Im Festival-Dorf wird den Besucher*innen von 16 bis 22 Uhr einiges geboten: In selbstgezimmerten und individuell gestalteten Verkaufsständen laden lokale Kleinunternehmer*innen und Privatpersonen zum Stöbern ein. Heute gibt es hausgemachte Marmeladen und Kekse, selbstgenähte Bauchtaschen, künstlerisch-gestaltete Kalender und Poster sowie Schmuck und Gebasteltes. „Die Stände wechseln jeden Tag, so lohnt es sich auch mehrfach vorbeizukommen“, freut sich Victor. An Glühwein und Getränken, Burgern und balinesischem Essen fehlt es ebenso nicht.

Das Kulturprogramm lockt täglich mit einer Live-Band, mit Straßentheater, Artistik oder Zauberei. „Bei der Abschlussveranstaltung wird hier eine Artistin oben in den bunt beleuchteten Bäumen Akrobatik machen“, erzählt Victor. „Natürlich nur ein paar Minuten, wegen der Kälte. Aber das ist trotzdem immer toll.“ Auch die Bands spielen maximal 45 Minuten, damit die Finger der Gitarrist*innen nicht einfrieren.

Frierende Gäste können sich in der Jurte am Kamin aufwärmen. Und wer noch mehr Wärme braucht, für den gibt es sogar eine kleine Sauna, in die drei bis vier Menschen passen. „Die funktioniert auch echt gut. Manche Leute kommen schon im Bademantel her“, schmunzelt Victor.

Der Haupteingang des Wintermarkts Lichter der Neustadt

Licht und Leute

Das Lichtkonzept entwickeln Mitglieder des Vereins. Im Laufe der Jahre haben Victor und die KulturKraken einiges dazugelernt: „Am Anfang haben wir wild irgendwelche Lampen gekauft, so dass es gemütlich aussieht. Die haben wir dann eingelagert und im nächsten Jahr waren sie kaputt.“ Mittlerweile geht das ganze nachhaltiger zu. Sie wissen nun, welche Lampen der Witterung im Winter standhalten und danach auch noch einsatzfähig sind. Mithilfe der NEUSTART KULTUR-Mittel waren solche Lampen erschwinglich.

Leider findet der Markt nicht bei allen positiven Zuspruch. Es hat sich eine Anwohner*inneninitiative aus sieben Ehepaaren gegründet, die sich regelmäßig gegen die Lautstärke beschweren. „Dabei sind wir ja durchaus kooperationsbereit“, erklärt Victor. „Zum Beispiel ist hier direkt gegenüber eine Praxis für Psychotherapie, in der bis 20 Uhr abends gearbeitet wird. Das ist uns so wichtig, dass die ihre sensible Arbeit machen können, dass wir dann eben erst um 20 Uhr mit der Live-Musik starten.“

Auf dem Markt wird es derweil immer voller. Die leuchtenden Elfen auf Stelzen mischen sich in die Menge und begeistern nicht nur die Kinder. Gleich findet noch ein Hip-Hop-Konzert statt.
Die KulturKraken haben hier wirklich eine tolle, farbenfrohe Möglichkeit geschaffen, dem grauen Winteralltag zu entkommen. Die Lichter der Neustadt finden noch bis zum 20. Dezember statt.

Geförderte Projektakteur*innen im Bereich Programm 2 können ihren Verwendungsnachweis über unser Förderportal einreichen.

Um die Arbeit im Rahmen der Einreichung des Verwendungsnachweises zu vereinfachen, haben wir ein Video-Tutorial erstellt. Darin zeigen wir Schritt für Schritt, wie der Verwendungsnachweis über das Antragsportal erstellt werden kann und erläutern wichtige Informationen und Hinweise zur Eingabe und Einreichung des Nachweises.

Das Tutorial zum Einreichen des Verwendungsnachweises (Link zu YouTube) ist in 4 Kapitel unterteilt, die separat angewählt werden können:

Bei Fragen zum individuellen Fall, bitte an den*die zuständige(n) Förderreferent*in wenden.

Transkript

Die verschriftlichte Fassung des Tutorials ist hier als PDF herunterzuladen.


Ergänzende Informationen:

 

 

 

 

Warum die Inventarisierung gar nicht so kompliziert ist, erklärt Felix in Folge 14 unseres Förder-ABCs.

Was ihr beim letzten Mittelabruf zu beachten habt, erklärt euch Anna in Folge 13 unseres Förder-ABCs.

Übernachten im Heu, Pferde und gemeinsames künstlerisches Schaffen. Für 35 junge Menschen bereitete das Kultur- und Theaterensemble Stage Divers(e) e.V. mit der NEUSTART KULUR Förderung eine unvergessliche Ferienfreizeit auf der Schwäbischen Alb. Ein Gastbeitrag der künstlerischen Leiterin Babette Ulmer.

Der Esslinger Verein Stage Divers(e) Forum für JugendTheaterKultur e.V. ist eine ehrenamtlich organisierte Plattform für junge Menschen, die künstlerisch tätig werden wollen. Wir arbeiten interdisziplinär und transkulturell, schließen Bewegung und Sport ebenso ein wie Musik und bildende Kunst. Wir haben kein eigenes Haus, sind jedoch fest eingebettet in örtliche und bundesweite Netzwerke der Kultur- und Jugendarbeit. Stage Divers(e) e.V. finanziert sich ausschließlich aus Projektmitteln. Wir bemühen uns sehr darum, junge Menschen aus prekären Situationen zu erreichen. Mit unseren internationalen Workshopleiter*innen finden wir viele neue Wege, um junge Menschen aus aller Welt in das gemeinsame künstlerische Experimentieren zu inkludieren. Unser Arbeitsprinzip ist einfach: jede*r die*der etwas kann, bringt es den anderen bei. Auf dieses Weise entstehen unsere künstlerischen Ergebnisse immer auf der Grundlage der gelebten Alltagswelt aller Mitwirkenden und den vorhandenen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Das Projekt „Zauberhafte Pferdebande“: ein Bauernhof als soziokultureller Ort

Um unerwartete Anreize zur gemeinsamen künstlerischen Arbeit für Kinder und Jugendliche zu bieten, setzen wir sechs besonders ausgebildete Pferde ein. Auf dem landwirtschaftliche Betrieb Hofgut Uhenfels auf der Schwäbischen Alb gestalteten wir im August das einwöchige Projekt Zauberhafte Pferdebande mit jungen Menschen von 10 – 17 Jahren. Eigentlich ist dieser Hof kein klassischer Ort der Kulturproduktion. Für diese Woche wurde jedoch der reguläre Betrieb zugunsten der gemeinsamen künstlerisch-kulturellen Aktivitäten eingestellt. Der Kuhstall verwandelte sich zum Übernachtungs-Heulager. Zwei kleine Ferienwohnungen wurden zu Büro und Notfallstation. Die Festscheune des Hofes wurde zum Zentrum der umfangreichen Angebote, die sich über das gesamte Gelände des Anwesens zogen. Gleichzeitig diente sie, mit Küche und selbst gekochtem Essen, als Speiseraum und Treffpunkt für das Beisammensein mit Tanz und Teamspielen.

Auf der Pferdewanderung durch die Schwäbische Alb

© Stage Divers(e) e.V.

Workshops und Highlights

Unsere 35 Teilnehmer*innen durchliefen fünf Workshops mit qualifizierten Honorarkräften: Filmemachen, Bühnenkampf, Zirkus und Theater sowie Landwirtschaft und Kommunikationsarbeit mit den Pferden. Hierfür waren individuelle Stundenpläne in einem ausgefeilten Ablaufplan notwendig. Am Ende der Freizeit standen drei Highlights: die erste Uhenfels Fight night, eine Bühnenkampfshow in einem improvisierten Kampfring mit entsprechenden Zweikampf-Choreografien, Ringrichtern und Einlaufmusik. Zum zweiten wurden die in der Woche selbst gedrehte Filme gezeigt, deren Genres sich von Crimestories über Fantasy- und Horrorgeschichten über Familienfilme und Tierabenteuergeschichten erstreckten. Eigentlich stand auf dem Plan noch eine luftakrobatische Stuntshow mit Pferd – aber leider war dafür die Woche zu kurz. Stattdessen unternahmen alle zusammen mit den Pferden eine Wanderung, um Natur und Landschaft in Ruhe gemeinsam zu genießen. Zwischen den fünf Workshops gab es die Woche über viele Zeitfenster, in welchem Schmuck hergestellt oder einfach nur geredet wurde. Eine tägliche halbe Stunde spontane „Speedkunst“ gab Raum für die Entstehung flüchtiger Kunstwerke aus Naturmaterialien. Die ganze Zeit über war es möglich, mit Schminke das eigene Erscheinungsbild für die geplanten Highlights selbst auszuprobieren und die Rollen damit zu entwickeln.

Schmuck basteln

© Stage Divers(e) e.V.

Der Alltag

Mit dem gemeinsamen Fitness-Groove begannen die Tage noch vor dem Frühstück. Es wurden drei Gruppen gebildet, die täglich wechselten: Küchendienst, Reinigungs- und Mülldienst sowie Büro- und interner Pressedienst. Letztgenannter sammelte Informationen über besondere Abenteuer des Tages und stellte sie beim abendlichen stündlichen Uhenfels-TV mit Improtheater dar. Auch moderierte diese Gruppe jeweils die täglichen Feedbackrunden, die sich aus den „Mir stinkts“, „Ich bin glücklich“ und Ideenwänden speiste. Das für die Freizeit erstellte Jugendschutzkonzept half dem Betreuungsteam, bei der Vielzahl an Aktivitäten das Wohl der Teilnehmenden nicht aus dem Auge zu verlieren. Ein Krankenpfleger und eine Sozialpädagogin begleiteten stets das oft wilde Spiel und achteten auf seelische und körperliche Gesundheit. Mit der abendlichen Vorleserunde zum Einschlafen neigte sich dann jeder aufregende Tag einem glücklichen Ende.

Übernachtungslager im Heu

© Stage Divers(e) e.V.

Fazit

Im Projekt Zauberhafte Pferdebande widmeten wir alle Aktivitäten dem Empowerment. Es ging uns darum, dass alle spielerisch in ihrem Standing gefördert werden sollten. Da der Team-Prozess sowohl bei den unterschiedlichen Workshops als auch im Alltag im Vordergrund stand, war genügend Raum und Flexibilität zur aktuellen Anpassung an Wünsche, Kritik oder neue Ideen. Dass ausnahmslos alle Teilnehmer*innen und auch das Betreuungsteam das Projekt im kommenden Jahr fortsetzen wollen, macht uns sehr glücklich.

Das Kunsthaus Mitte befindet sich tatsächlich mitten in der Altstadt von Oberhausen, gleich neben der Pfarrei Herz Jesu. Das ist insofern erwähnenswert, weil die Herz-Jesu-Gemeinde Eigentümer des Gebäudes ist. Noch erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist der Name des Künstlers Christoph Schlingensief, ein waschechter Oberhausener und einst Messdiener in eben dieser Gemeinde. Förderreferentin Andrea war vor Ort.

Auf meinem Weg vom Bahnhof zum Kunsthaus Mitte fallen mir bereits einige Leerstände in der Altstadt auf. Oberhausen war vor zehn Jahren die Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung Deutschlands, nach dem Ende des Kohleabbaus und dem Niedergang der Stahlindustrie lag die Arbeitslosenrate bei knapp zehn Prozent. Mittlerweile fand ein Strukturwandel statt und die Ruhrmetropole hat sich als Einkaufs- und Freizeitstandort überregional etabliert. In der Altstadt leben heute viele Menschen mit Migrationshintergrund. Da die Kaufkraft fehlt, gibt es weiter Leerstand und alteingesessene Läden sind geschlossen.

Kunst und Kochen – Begegnungen auf Augenhöhe

Langsam nähere ich mich dem Kunsthaus Mitte in der Paul-Reusch-Straße 60. Tapfer steht es neben einer frischen Abrissbaustelle. Das Haus hat elf Räume mit einer Größe zwischen 7,5 – 40 Quadratmeter, die sich auf drei Stockwerke verteilen. Thomas Lehmen, Tänzer und Choreograph und ebenfalls geboren in Oberhausen, war vor drei Jahren auf der Suche nach einem Ort, an dem Kunst und Begegnung stattfinden können und zwar mitten in der Stadt um den Stadtkern wiederzubeleben. Nach einem Gespräch mit Pfarrer Vincent Graw drückte dieser ihm die Schlüssel für das Nebenhaus in die Hand und ließ Thomas machen. Thomas und viele helfende Hände verwandelten das Haus, in dem unter anderem das Archiv der Herz-Jesu-Gemeinde untergebracht war, in eine besondere Begegnungsstätte. Im Erdgeschoß befinden sich die Küche und ein großer Aufenthaltsraum, die Orte des heutigen Geschehens. Seit Monaten der Schließung steht zum ersten Mal wieder Kunst und Kochen auf dem Programm, eine multinationale Veranstaltung, bei der zwei Personen kochen und alle anderen bei den Vorbereitungen helfen dürfen. Da mache ich gern mit!

Heute kochen Rozan und Janda aus Syrien. Es gibt Falafel, Fladenbrot, zweierlei Dips und einen ganz köstlichen Salat. Langsam füllt sich das Haus und kurz vor dem Essen versammeln sich etwa 25 Personen aus aller Frauen und Herren Länder um den großen Tisch im Aufenthaltsraum. Es muss noch angebaut werden, dann haben alle Platz. Thomas eröffnet das Mahl und begrüßt die Gäste, die in vielen Sprachen das Grußwort erwidern und guten Appetit wünschen.

Wer zusammen kochen kann, kann auch zusammen Kunst machen und in einer Stadt zusammen leben! Dieser Gedanke steckt hinter der Veranstaltung, die vielfältige Begegnungen ermöglicht. Große und kleine Menschen aus Syrien, der Türkei, dem Iran, aus Afrika, Tschetschenien, der Ukraine und Deutschland essen heute hier zusammen und tauschen sich in lockerer, angstfreier Atmosphäre aus, wie schön ist das!

Leckere Gerichte aus aller Welt und gute Gespräche bei „Kunst und Kochen“

© Kunsthaus Mitte Oberhausen

„Oberhausen lieben heißt, ich mache alles für meine Stadt, sogar KUNST“

Thomas Lehmen, der Initiator des Kunsthaus Mitte, war selbst viel als Künstler in der Welt unterwegs, bis es ihn wieder in seine Heimatstadt verschlug. Manche sagen, er sei in Christoph Schlingensiefs Fußstapfen getreten. In Oberhausen möchte er etwas bewegen, vor allem im Bereich Tanz, aber auch anderen Künsten wörtlich einen Raum geben. Mit dem von der Kunststiftung NRW unterstützten Residenzprogramm im Kunsthaus Mitte, das ein- zweimonatige Residenzen vergibt, wurde ein Anfang gemacht. Zum weitgehend schwellenlosen Programm gehören außerdem Aktivitäten in den Bereichen Musik, Film, Skulptur, Malerei und Performance. Das Kunsthaus Mitte kooperiert mit anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt, etwa mit dem Theater Oberhausen und auch dem nahe gelegenen Supermarkt der Ideen, um Veranstaltungsorte und Strukturen für Tanz-Arbeit Oberhausen  zu entwickeln und Orte in der Stadt zu schaffen, an denen Tanzproduktionen und Choreographien regelmäßig stattfinden können.

Projektmanager Simon Olk, Anna-Luise Binder, Yasemin Gedek Tayeboun, Rozan Hamo, Pari Rostamianomran und Leiter Thomas Lehmen (v.l.n.r.)

Kunst, ja – aber bitte fair bezahlt!

Ganz wichtig ist Thomas Lehmen, dass jede künstlerische Arbeit bezahlt werden sollte. So initiierte er im Jahr 2017 in Oberhausen das Projekt Brauchse Jobb? Wir machen TANZ!. Hieraus entwickelte sich das Kunsthaus Mitte sowie das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett, dessen Tanz-Arbeiter*innen alle eine bezahlte, sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle haben.

Um weiter Kunst für Oberhausen machen zu können und das Kunsthaus Mitte besser gegen die Auswirkungen der Pandemie zu wappnen, wurden durch NEUSTART KULTUR Luftfilter, die IT-Infrastruktur sowie Ausstattung für Open-Air- und dezentralen Einsatz in Form einer mobilen Bühne und einer mobilen Tonanlage gefördert.