Wenn selbständige Künstler*innen engagiert werden, ist die Künstlersozialabgabe an die Künstlersozialkasse (KSK) zu zahlen. Luise erklärt in Folge 12, wie die Abgabe bei NEUSTART KULTUR – Programm abgerechnet werden kann.


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Auf der Website der KSK findet ihr eine beispielhafte Aufzählung von abgabepflichtigen künstlerischen und publizistischen Tätigkeiten.

Wer bei NEUSTART KULTUR – Programm gefördert wird, kann anteilig Grundkosten für das geförderte Vorhaben abrechnen. Wie das funktioniert, erklärt Luise in Folge 11 des Förder-ABC.


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Das Musterformular für den Nachweis von Ausgaben für Grundkosten findet ihr im Downloadbereich.

 

Künstler*innen verzweifeln an der schlechten Auftragslage, Spielstätten am anhaltenden Publikumsschwund. Der Kultur stehen schwierige Zeiten bevor. Wir haben mit Ulrich Bildstein und Franck-Thomas Link vom Hamburger Kammerkunstverein e. V. über Klassik an ungewöhnlichen Orten, das Auslaufen der Corona-Förderprogramme und über die Entwöhnung von Kultur gesprochen.

Robert Schumanns Klavierstück Vogel als Prophet erklingt aus einem geöffneten Fenster im Hamburger Oberhafen und wird von einer leichten Augustbrise über der Hafencity verteilt. Vor dem Fenster steht in einem zweckmäßig eingerichteten Aufenthaltsraum des Hamburger Kammerkunstvereins Geschäftsführer Ulrich Bildstein mit, für ein Ensemblemitglied der Berlin Comedian Harmonists ungewohntem, windzerzausten Haar. Auf der beigen, leicht abgenutzten Couch vor ihm sitzt Pianist und künstlerischer Leiter „Thommy“ Franck-Thomas Link, der mit seiner ruhigen Art die Emotionalität seines Kompagnons bestens ergänzt.

GruppenbildNEUSTART KULTUR zu Besuch beim Hamburger Kammerkunstverein

Zum Feierabend Klassik

Der Verein bewegt sich abseits des subventionierten Klassikbetriebs. Kammermusik, Gesang, Theater, Lesungen sind Bestandteil des Programms. Ein kürzlich abgeschlossenes Projekt widmete sich Texten des französischen Schriftstellers Marcel Proust. „Daraus haben wir eine Lesung gemacht und das ist bei Proust immer viel verbunden mit Musik“, erinnert sich Link an das Programm, bei dem sich wiederentdeckte und 2019 veröffentlichte Texte des Autors mit Gesang und Geige verwoben.

Die Kammerkunst-Familie begegnet ihrem Publikum auf Augenhöhe; will Kunst und Kultur möglichst Vielen erlebbar machen und in Austausch treten. Mit den Lunch- und Feierabendkonzerten organisiert der Verein monatlich zwei beliebte, niedrigschwellige Reihen an ungewöhnlichen Orten: zur Mittagszeit – bei freiem Eintritt – in der geschichtsträchtigen Handelskammer Hamburg, in den Abendstunden in einer Industrielagerhalle unweit ihres Vereinssitzes im Oberhafen. Während das 401te Lunchkonzert wegen Umbauarbeiten noch auf seine Aufführung warten muss, laufen die Feierabendkonzerte auch dank der Förderung von NEUSTART KULTUR nach der Corona-Pause weiter. „Wir versuchen, die Hochkultur in diesem Clash mit der Industriekulisse zu verbinden und das mögen die Leute“, sagt Bildstein und sein Kollege Link fügt hinzu: „Viele Leute, die sonst vorher nichts mit klassischer Musik zu tun gehabt haben, werden bei uns angefixt.“

FeierabendkonzertZum Feierabend Klassik im Hamburger Kreativ- und Kulturquartier Oberhafen

© Hamburger Kammerkunstverein

Förderprogramme laufen aus

Die Klaviermusik, die zart aus einem benachbarten Raum durch die Vereinsräume flattert, wird abrupt vom Rattern eines vorbeifahrenden Zuges erstickt. Bildstein schließt das Fenster und prophezeit: „Die saure Gurkenzeit kommt erst noch.“ Bildstein ist Schauspieler, Sänger und Kulturmanager, ein Kenner der Kulturszene. Ihn erreichen in diesen Wochen Anrufe von überforderten Künstler*innen, die an der schlechten Auftragslage verzweifeln. Die Corona-Hilfen hatten nach dem Ende der kulturellen Zwangspause bei vielen Kulturschaffenden für gut gefüllte Auftragsbücher gesorgt. Vieles konnte nachgeholt werden, was die Pandemie verschoben hatte. „Was nicht bei drei auf den Bäumen war, wurde gefördert. Was auch gut war“, sagt Bildstein begleitet von Schumanns Vogelgezwitscher. Doch die Förderprogramme laufen aus. Zahlreiche Projekte, die durch die Corona-Programme angestoßen wurden, suchen nach einer Weiterfinanzierung, Künstler*innen nach Aufträgen.

Diese Entwicklung konterkariert, was Förderprogramme wie NEUSTART KULTUR während der vergangenen zwei Jahre für den Erhalt der kulturellen Vielfalt geleistet haben. Dies muss auch nach dem Auslaufen der Programme Bestand haben. Denn ein Weniger an kultureller Vielfalt schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Widerstandsfähigkeit gegenüber allgegenwärtigen Krisen.

Entwöhnung von Kultur

Zusätzlich bereitet der anhaltende Publikumsschwund große Probleme. Spielstätten, selbst große Häuser, verzeichnen einen fünfzigprozentigen Rückgang der Zuschauer*innenzahlen. Auch bei den Konzerten des Kammermusikvereins bleibt die Hälfte der Plätze immer noch leer. „Die Leute trauen sich nicht. Die Oma, die zwei Jahre nicht im Konzert war, kommt nicht mehr, hat ihr Abo gekündigt“, erklärt sich Bildstein die Situation und fährt fort: “Es ist nicht wie Brot essen, wenn diese Idee von ‚Ich geh ins Konzert‘ mal abbaut, dann verkümmert die auch, auch das soziale Miteinander verkümmert.“ Diese Entwöhnung von Kultur betrifft alle Kulturveranstalter*innen. Ob in Konzertsälen, Theatern, Kinos und Kulturzentren: überall bleiben Plätze leer. Für Bildstein stehen die Konsequenzen für die kulturelle Vielfalt fest: „Dann fliegt halt raus, was kein Erfolgsgarant ist.“ Weniger Stücke, mehr Mainstream – nicht nur Bildstein und Link muss das missfallen. Bleibt zu hoffen, dass der Publikumsschwund nur eine vorübergehende Begleiterscheinung der anhaltenden Pandemie ist.

Wenige Schritte vom Aufenthaltsraum entfernt, den schmalen, mit grauem Linoleum ausgelegten Gang hinunter, sitzt Pianist Nicholas Ashton am Flügel. Mit britischem Akzent kündigt er sein nächstes Stück an: „Ich spiele gerade ein Stück von Dauquin, ein französischer Barockkomponist. Ein ganz schönes Stück. Es heißt Le Coucou, Der Kuckuck.“ Der Kuckuck gilt als Wahrsager unter den Tieren.

Nicholas Ashton spielt einen Ausschnitt aus „Vogel als Prophet“

Was ist, wenn die Realität ein Leben auf der Straße ist und nicht in der Geborgenheit der eigenen vier Wände? Was bedeutet „zu Hause“? Diesen Fragen geht das Team von atelier-dreieck rund um Künstlerin Kerstin Schulz mit ihrem Schwarmkunstprojekt Ob(D)Acht – My home is my Castle nach. Förderreferentin Michaela hat das außergewöhnliche Projekt des Schwarmkunst e.V. in Hannover besucht.

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof kurz vor dem Ausstellungsgelände am Georgsplatz sehe ich sie bereits: Tausende von PET-Flaschen spiegeln sich in der Sonne, farbig anzuschauen, zu Türmen aufgebaut. Schon von weitem eine beeindruckende Konstruktion. Schwarmkunst nennt sich das, was von Anfang Juni bis Ende August in der Hannover Innenstadt der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Künstlerin, Ideengeberin und künstlerische Leiterin des Projekts Ob(D)Acht – My home is my Castle Kerstin Schulz klärt auf, was sich dahinter verbirgt: „Wir möchten gesellschaftspolitische Themen mit den Mitteln der Kunst hinterfragen. Die Schwarmkunst ist eine sozial interaktive Kunstrichtung, die professionell initiiert und angeleitet werden muss, sich dann aber selbstständig fortsetzt. Dabei entstehen erfahrungsgemäß intensive Kontakte unter den Schwarmkünstler*innen. Schwarmkunst ist ein niedrigschwelliges Angebot. Jeder kann mitmachen. Auch kleinste Beiträge summieren sich zu einem großen Ganzen.“

Kurzum: Die Schwarmkunst soll Menschen zu eigenem partizipatorischen und schöpferischen Tun motivierten, indem sie aktive Begegnung mit bildender Kunst durch öffentliche Mitwirkungsprojekte fördert. Schwarmkunst fördert die Zusammenarbeit, den Teamgeist, da nur gemeinsam das geschafft werden kann, was vorgesehen ist. Durch das gemeinsame Arbeiten an der Installation kommen Obdachlose, Passant*innen, Anwohner*innen und weitere Projektbeteiligte ins Gespräch. Das Ziel ist eine „sehende“ Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit und bestehenden gesellschaftlichen Werten. Die Kunstinstallation stellt Fragen in den Raum, die zum Diskutieren und Nachdenken anregen sollen.

Kerstin SchulzProjektleiterin Kerstin Schulz inmitten der PET-Flaschen-Burg

Die Bedeutung des Flaschensammlens für Obdachlose

Die Idee, sich mit dem Thema Obdachlosigkeit eingehender zu beschäftigen, basiert auf einer Begegnung der Künstlerin mit zwei Obdachlosen am Berliner Hauptbahnhof, als sie dort ein anderes Projekt begleitete: „Diese eine Woche am Bahnhof im Sommer 2019, bei fast 40 Grad, war sehr intensiv und ich habe viel über das Leben auf der Straße erfahren – auch wie immens wichtig das Flaschensammeln für viele Obdachlose ist. Das hat mich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit geführt und zu der Idee eine Burg aus PET-Flaschen zu bauen.“

Innerhalb von drei Monaten entstand eine mit Augeniris-Fotos beklebte PET-Flaschen-Installation. Die ursprüngliche Planung einer hohen Burg durfte aus Gründen der Sicherheit nicht umgesetzt werden. Daher wurde die Installation niedriger und in die Breite gebaut. Das Ergebnis ist dennoch beindruckend: Fünf etwa 3 Meter hohe Türme mit Burgmauern und Fenstern ergeben das Bild einer Behausung.

Vorbereitungs- und Bauphase: Aus PET-Flaschen wird Kunst

Kerstin Schulz legt noch letzte Hand an eine Umzäunung, damit die Besucher*innen der Ausstellungseröffnung, die an diesem Tag um 17 Uhr stattfinden wird, gut auf das mit Bauzäunen abgesperrte Gelände kommen. „Leider mussten wir unser Projekt mit Bauzäunen schützen, da es einige Male zur Zerstörung der Objekte kam und viele der PET-Flaschen geklaut wurden“, erzählt sie. „Wir haben es geschafft, mittels der Bauzäune und Videokameras das Projekt zu schützen, aber es ist schade, dass so etwas überhaupt sein muss“. Jetzt da der große Tag der Ausstellungseröffnung gekommen ist, bleibt Kerstin Schulz ruhig. Die Zeit der Vorbereitung und der Bauphase sei sehr viel intensiver gewesen. Und tatsächlich, was vorab geleistet wurde, ist ebenso beindruckend wie die Installation selbst. „Als im März die Förderzusage kam, mussten wir sofort loslegen“, sagt die Künstlerin. Der Bauplan für die Installation war schon fertig, musste aber einige Male umgeändert werden, bis die zuständige Behörde die Genehmigung erteilte. Erst dann konnte mit dem Aufbau der Gitterunterkonstruktion begonnen werden. Zudem musste die benötigte Anzahl PET-Flaschen beschafft werden. Ein Marathon im wahrsten Sinne, bei dem der Hannover Marathon eifrig mithalf, und es Unterstützung von den Kunstfestspielen Herrenhausen, der Caritas und Extaler gab. Schlussendlich gelang es, 40.000 PET-Flaschen zu erhalten.

PET-Flaschen mit IrisDas Ziel des Projekts ist eine sehende Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit

Am 4. Juni startete das Projekt auf dem Georgplatz. Viele Neugierige kamen zu den fünf Burgtürmen, zu diesem Zeitpunkt nur eine Holz- und Drahtkonstruktion, die in den kommenden Wochen mit den tausenden von PET-Flaschen bestückt werden sollten. Die ersten Flaschen wurden von Kerstin Schulz, Jan Tessmer und Lars Adolph von Schwarmkunst e.V., dem Träger des Projekts, eingedreht. „Bereits zwei Wochen später war der tipping point erreicht“, erinnert sich Kerstin Schulz. „Der Moment, wenn erkennbar wird, das etwas entsteht und der Prozess eine gewisse Dynamik erreicht“.

Schwarmkünstler*innen, Begegnungen und Streetwork

Während der Bauphase, die sich über die nächsten beiden Monate erstrecken sollte, gab es nicht nur Schwarmkunst, also das gemeinsame Eindrehen der Flaschen, und die Augenirisfotografie von allen jenen, die dabei mithalfen, sondern auch Beratungen auf dem Platz.
Die Caritas bot zweimal in der Woche eine Gesundheitsberatung für Obdachlose an, fast jeden Werktag war ein Sozialarbeiter vor Ort. Die Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Caritas Ramona Pold äußert sich begeistert: „Wir haben hier so viele gute und interessante Gespräche führen können, viel mehr und viel intensiver, als wir es jemals in unseren Büroräumen hätten tun können“. Auch die Straßenambulanz findet wöchentlich den Weg zu den Burgtürmen. Der Anwalt Andreas Sylvester von StiDu e.V. (Stimme der UNgeHÖRTen e.V.) richtete einmal wöchentlich eine ambulante Rechtsberatung ein.

Kerstin SchulzDie Schwarmkünstler*innen Peter, Kerstin und Klaus (v.l.n.r.)

Ein Schwarmkünstler der ersten Stunde, Klaus Ehlers, der täglich mit Leidenschaft Flaschen eindrehte, wurde von dem Projekt inspiriert, seine eigene Installation zu bauen. Sein Titel „Leben im Nichts“ soll darauf aufmerksam machen, dass Wohnungslose auf mehr verzichten müssen als nur auf die Wohnung, dass es ihnen auch an alltäglichen Gegenständen fehlt, wie Tisch, Stuhl, Schrank. Klaus Ehlers ist begeistert von dem Projekt: „Ich bin von Beginn an dabei, ein Ob(D)Acht-Schwärmer der ersten Stunde also. Ich hatte auch vorher schon eine gewisse Affinität zu Installationen und verfüge auch über einiges handwerkliches Geschick, aber es ist das erste Mal, dass ich im Rahmen eines professionellen Kunstprojekts mitarbeiten kann.“ Seitdem ist er täglich auf dem Platz und beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit, die er aus eigener Erfahrung kennt, und der Kunst. „Für einen wie mich, der so lange am unteren Limit leben musste, ist das eine wichtige Erfahrung.“

Das Finale: Ausstellungseröffnung und Nebenausstellungen

Am 4. August ist es dann soweit: Die 40.000 PET-Flaschen waren eingedreht, die meisten davon mit Irisfotografien versehen, und die Ausstellung wird offiziell eröffnet. Etwa 800 Personen hatten sich aktiv an der Schwarmkunst beteiligt, so Dr. Jürgen Rink von Schwarmkunst e.V. bei seiner Eröffnungsrede. Während der dreiwöchigen Ausstellungsphase werden weitere 1050 Besucher*innen zu den Veranstaltungen oder einfach zum Schauen vorbeikommen.

AusstellungseröffnungAusstellungseröffnung am 4. August 2022 auf dem Georgplatz in Hannover

Neben der eigentlichen PET-Flaschen Ausstellung waren bis zum 25. August noch weitere Parallelausstellungen auf dem Platz zu sehen, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt haben. Darunter die oben bereits erwähnte Installation von Klaus Ehlers „Leben im Nichts“.
Ulla Neubauer von der Zentralen Beratungsstelle Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes Hannover initiierte ein Projekt mit Wohnungslosen zum Thema Wohnungslos in Zeiten der Pandemie, bei der die Auswirkungen der Pandemie auf deren Leben dargestellt werden sollte. Es entstanden viele interessante Kunstwerke.
Die Fotografin Karin Powser zeigte ihre Fotoausstellung „Wohnkomfort in neuem Stil“. Sie selbst lebte bereits als Jugendliche auf der Straße, insgesamt 15 Jahre lang. Dann entdeckte sie per Zufall die Fotografie und begann, ihre Kumpels und ihr Umfeld zu fotografieren. Später fotografierte sie für Sozialdokumentationen. Mittlerweile sind ihre Bilder bundesweit in Ausstellungen zu sehen und mit Preisen honoriert.

Von dem Fotografen Thomas Deutschmann war die Ausstellung Ans Licht zu sehen. Er besuchte 1971 das Obdachlosenlager Vinnhorster Weg in Hannover und fotografierte dort über einige Monate. In den Baracken lebten damals mehr als dreihundert Menschen, darunter viele Familien mit Kindern. Aktuell ist er in einem weiteren Projekt dabei, die Kinder von damals ausfindig zu machen und zu sehen, was aus ihnen geworden ist – sie sozusagen „ans Licht“ zu bringen.

Überschattet wurde die Ausstellungseröffnung vom plötzlichen Tod Volker Kühns. Der ehemalige Schauspieler, seit einigen Jahren wohnungslos in Hannover lebend, war ebenfalls ein eifriger Schwarmkünstler. Vorgesehen war seine Lesung „Lass sich ja nicht mehr hier blicken“. Stattdessen hielt Peter Wefer, Schriftsteller und ebenfalls ehemals Obdachloser, eine bewegende Rede auf Volker Kühn.

„Der Abschluss und der Abbau werden sehr traurig werden“, sagt Kerstin Schulz mit Blick auf das Projektende. So sei es immer, wenn über längere Zeit sehr intensiv mit mehreren Menschen zusammengearbeitet wurde und alle sich in dieser Zeit ein Stück nähergekommen sind. „Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, Menschen kamen miteinander in Kontakt. Wir haben mit diesem Projekt zum Nachdenken angeregt – das war das Ziel.“
Ergänzende Lesungen, u.a. von Peter Wefer, sowie Gesprächsforen zum Thema Obdachlosigkeit rundeten die Ausstellung ab. Die Abschlussveranstaltung, bei der der Oberbürgermeister von Hannover Belit Onay Rede und Antwort stand, fand unter dem Motto „2030 – Keine Obdachlosigkeit in Hannover!?“ am 25. August statt.

Wenn ihr Musik öffentlich nutzt, müsst ihr Veranstaltungen bei der GEMA anmelden und Gebühren bezahlen. Wenn diese in Verbindung mit eurem geförderten Projekt anfallen, könnt ihr sie abrechnen. Luise erklärt in Folge 10 des Förder-ABCs, worauf dabei zu achten ist.

Wie rechne ich Personalkosten ab? Was bedeuten Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit in der Praxis? Welche Fristen muss ich beachten? Diese und weitere Fragen, die sich unseren geförderten Projektakteur*innen während der Projektdurchführung stellen, greifen wir in der monatlichen Infoveranstaltung „Fragen rund ums Geld“ auf.

In der zweistündigen Videokonferenz werden Fragen zur Förderung bei Programm 2 und Zentren 2 von den jeweiligen Projektteams besprochen. Zudem können Projektakteur*innen individuelle Fragen stellen.
Den Einladungslink erhalten Geförderte bei Programm 2 und Zentren 2 ca. eine Woche vor der jeweiligen Veranstaltung.

Kommende Termine:

6. Oktober 2022 | 16-18 Uhr

Begleitend zur Veranstaltung veröffentlichen wir das Förder-ABC. In den kurzen Video-Clips stellen wir einzelne Themen aus „Fragen rund ums Geld“ vor. Bisher sind folgende Clips verfügbar:

Folge 1: förderunschädlicher vorzeitiger Maßnahmebeginn

Folge 2: Vertragserhalt

Folge 3: Mittelabruf-Fristen Programm 2

Folge 4: Mittelabruf-Fristen Zentren 2

Folge 5: Erstattung von Vorleistung

Folge 6: Mittelabruf über Online-Antragsportal

Folge 7: Rückzahlung über Online-Antragsportal

Folge 8: Abrechnung von Ausgaben für Personalkosten

Folge 9: Lebenszykluskostenansatz

Folge 10: Abrechnung von GEMA-Gebühren

Franziska widmet sich in Folge 9 des Förder-ABCs dem Thema Nachhaltigkeit bei NEUSTART KULTUR – Zentren. Sie stellt den Lebenszykluskostenansatz vor, mit dem nachhaltige Produktentscheidungen getroffen und begründet werden können.

Bei NEUSTART KULTUR – Zentren können für geförderte Vorhaben ökologisch sinnvolle Produkte angeschafft werden. Mit dem Lebenszykluskostenansatz werden Produkte verglichen und berechnet, welches Produkt über die gesamte Nutzungsdauer – und nicht nur bei den Anschaffungskosten – günstiger ist. Diese Berechnung kann als Begründung für Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit bei der Anschaffung verwendet werden. Dieser Ansatz ist auch für kommende Förderungen ein nützliches Instrument, um nachhaltige Produktentscheidungen zu treffen und zu begründen.


Weitere Informationen

Excel-Tool Umweltbundesamt zur Berechnung von Lebenszykluskosten

Das LOLA Kulturzentrum sorgt seit 30 Jahren für soziokulturelle Unterhaltung im Hamburger Bezirk Bergedorf. Mitgründerin Petra Niemeyer erzählt über ihre linken Anfänge, die Schwierigkeiten der Pandemie und den Wert kultureller Arbeit.

Das Kulturzentrum LOLA feiert im September sein 30-jähriges Jubiläum. Genauso lange ist auch Mitgründerin Petra Niemeyer schon dabei. Ihr soziokulturelles Engagement begann 1979, als die studierte Bekleidungsingenieurin gemeinsam mit Freund*innen das Wutzrock-Festival organisiert hat. Anschließend gründete die Freundesgruppe – allesamt Autodidakt*innen – ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, das heute nach über 40 Jahren ebenso noch besteht. „Dort haben wir die Grundlagen für unsere Arbeit in der Soziokultur gelernt“, erzählt Niemeyer stolz. Bestens gerüstet waren sie also, um schließlich eine der leerstehenden Bergedorfer Polizeiwachen in die LOLA zu verwandeln. Bis heute residiert die LOLA auf drei Etagen im roten Backsteingebäude. Über die Zukunft macht sich Petra Niemeyer trotzdem Sorgen.

Schwierigkeiten in der Pandemie

Derzeit leidet die LOLA weiterhin unter den Folgen der Pandemie. Trotz Wegfall der Einschränkungen bei Veranstaltungen ist man hier noch vorsichtig. Anstelle von 700 Gästen werden zur Disco nur 400 Menschen reingelassen. Und bei Theaterveranstaltungen, die indoor stattfinden, reduziert sich das Publikum leider von selbst. Die Auslastung bei Veranstaltungen liegt im Vergleich zu 2019 oftmals bei unter 50 Prozent. Viele Gäste haben anscheinend immer noch Angst, sich anzustecken, und nach der langen Pause werden Familienfeiern, Geburtstage etc. nachgeholt, von dem Besuch einer Kulturveranstaltung jedoch oftmals abgesehen.
Auch Mitarbeiter*innen für die Veranstaltungen zu finden, war für Petra Niemeyer sehr schwer: „Alle Türsteher waren auf einmal weg! Ganz Deutschland ist ja auf der Suche nach geeignetem Personal, vor allem in der Gastronomie.“ Auch die Auszubildenden in der Veranstaltungstechnik, mit denen sie früher viel zusammengearbeitet haben, sind weggefallen, weil weniger bis gar nicht ausgebildet wurde. Erfahrene Techniker*innen mit freien Kapazitäten sind in diesem Sommer, wie so vieles, eher rar gesät und müssen außerdem höher entlohnt werden.

LED-WandFür gut klingende Veranstaltungen braucht es gute Veranstaltungstechniker*innen

© LOLA Kulturzentrum

Hamburger Engagement gegen die Mangelverwaltung in der Soziokultur

Hinzu kommen die ganz „normalen“ Alltagsprobleme in der Soziokultur: Zu wenig Personal, zu geringe Gehälter, gerade auch für Berufsanfänger*innen und damit einhergehende Nachwuchsprobleme sowie befristete Verträge aufgrund von Projektlaufzeiten. In Hamburg haben sich die soziokulturellen Institutionen nun im Bündnis KulturWert – Faire Tarife für alle zusammengeschlossen und wollen durch Öffentlichkeitsarbeit und Aushandlung mit der Politik, bessere Bedingungen für die Szene schaffen.
Petra Niemeyer kennt diese Probleme aus der Praxis nur zu gut: „Wir betreiben seit 30 Jahren eigentlich Mangelverwaltung. Finanziell und personell. Grundsätzlich brauchen wir mehr Geld. Und auch eine Verstetigung. Also wenn ein Projekt gut läuft, soll es verstetigt werden, anstatt dass immer neue Anträge geschrieben werden müssen.“ Niemeyer merkt an: „Es gibt so viele Erwartungen an uns. Der Stadtteilkultur wird eine große Bedeutung beim Einsatz gegen das Auseinanderdriften der Gesellschaft zugeschrieben, weil sie in der Lage ist, Brücken zu bauen. Doch diese Bedeutung findet sich leider oftmals nicht in der Entlohnung der Mitarbeiter*innen wieder.“

LED-WandSonnengelber Schutz bei jedem Wetter: Die neue Hof-Überdachung in der LOLA

© Pia Sollmann

Förderanträge und Bauchschmerzen

Durch die allgemeine Überlastung und die Personalknappheit waren auch die umfangreichen Anträge für die Mittel von NEUSTART KULTUR nicht immer einfach zu bewältigen. „Bundesrecht ist viel schärfer als Landesrecht.“, sagt Petra Niemeyer. Wegen des Vergaberechts hatte das Team oftmals Bauchschmerzen, weil immer die Sorge dagewesen sei, nicht alles richtig zu machen. Zudem war es nicht möglich, verbindliche Kostenvoranschläge zu bekommen, da weder Preise konstant noch Lieferzeiten bekannt waren und sind. Die pandemiebedingte Senkung der Schwellwerte für eine erforderliche Vergabe hat hier offenbar nur wenig geholfen, ursprüngliche Kostenplanungen waren sehr schnell hinfällig, der Eigenmittelanteil dadurch automatisch höher.
Das bei staatlichen Mitteln alles ordentlich kontrolliert und abgerechnet wird, findet Niemeyer richtig, aber der Aufwand stehe oftmals nicht im Verhältnis.
Mit dem Bundesverband Soziokultur als mittelausgebende Stelle war Petra Niemeyer aber dennoch sehr zufrieden: „Das war besser als jede Bundesbehörde oder das Finanzamt. Sie haben ja ein Gefühl für die Arbeit, die wir machen und haben uns stets bestens informiert.“

Auch über die geförderte Hofüberdachung sind Petra Niemeyer und das LOLA Team sehr glücklich. Mit der Bühne können Veranstaltungen jetzt auch bei schlechtem Wetter draußen stattfinden und man kann auch kurzfristig umdisponieren: „Da lacht natürlich mein Herz als Veranstalterin, wenn man alles ganz flexibel und kreativ bespielen kann.“
Die nächsten Probleme wie Inflation und Energiekosten stehen schon vor der Tür. Niemeyer glaubt, dass ihre zehn letzten Berufsjahre die schwersten sein werden. Aber trotz aller Schwierigkeiten, macht die Arbeit ihr und den Kolleg*innen einfach auch extrem viel Spaß – sonst würde das einfach niemand machen.

 

Auf dem Sodenmattseefest im Bremer Stadtteil Huchting präsentieren ortsansässige Vereine und Einrichtungen am Samstag vor den Sommerferien sich und ihre Arbeit. Die m:edienwerkstatt Huchting ist mit einem Autoanhänger vor Ort, den sie zur Medienstation mit LED-Wand ausgebaut haben.

Über 150 Fragen zum Thema Würde sind in den Workshops zusammengekommen, die vom k:ulturladen und der m:edienwerkstatt Huchting in Kooperation durchgeführt wurden. Die Teilnehmenden haben sich dem Thema WÜRDE von unterschiedlichen Seiten angenähert. Aus der ganz persönlichen Fragestellung „Was bedeutet Würde für dich?“ sind schließlich Einzelportraits entstanden, die unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Geschichten zum Ausdruck bringen. „Künstlerische Biographiearbeit“, fasst Vera Zimmermann vom k:ulturladen Huchting den Grundsatz der Arbeit im Quartier zusammen und Claudius Joecke von der m:edienwerkstatt fügt hinzu: „Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen unterschiedlicher Religions- und Kulturzugehörigkeit in ihrer Würde mit ihren Werten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.“

LED-WandDie geförderte LED-Wand macht Menschen in ihrer Würde sichtbar

Würde sichtbar machen

Unterstützt wird die Arbeit seit kurzem durch einen Medienanhänger, der unterschiedlich genutzt werden kann. Auf dem Stadtteilfest am Sodenmattsee kommt erstmalig auch die auf dem Anhänger installierte LED-Wand zum Einsatz, die mit der Unterstützung des Förderprogramms NEUSTART KULTUR – Zentren 2 angeschafft werden konnte. Die Festbesucher*innen können darauf die erarbeiteten Portraits mit persönlichen Statements zum Thema WÜRDE sehen. Wie zum Beispiel von der 1975 in Ghana geborenen Stella B. A.: „WÜRDE bedeutet für mich, meine WERTE leben zu können – Familie, Empathie und Respekt, aber auch selbst auf meine Bedürfnisse zu achten und mir meiner Kraft bewusst zu sein.“

Ein mobiler Ort im Außenraum

„Diese Bildqualität könnte von einem Beamer bei Tageslicht niemals erreicht werden“, erklärt Tristan Rusch von der m:edienwerkstatt. Der Anhänger hat aber noch mehr zu bieten: Module, die heute als Zuschauerbänke vor dem Anhänger stehen, können auch als Sitzgruppe im Anhänger aufgebaut werden, so dass hier ein kleiner Raum entsteht, in dem in Kleingruppen zusammengearbeitet werden kann. Ein mobiler Ort im Außenraum also, an dem Menschen zusammenkommen, diskutieren und neue Medienbeiträge entstehen können. Gerade die Nutzung des Außenraums wurde während der Corona-Pandemie notwendig – hier können Abstandsregelungen am besten eingehalten und die Ansteckungsgefahr reduziert werden.

Bühne SodenmattseefestDas Stadtteilorchester „insan…popular“ auf dem Sodenmattseefest, moderiert von Claudius Joeke

Vertrauen ermöglicht Begegnung

Das Netzwerk mit dem die m:edienwerkstatt in Huchting kooperiert, kommt nun schon seit 23 Jahren hier zum Sodenmattseefest zusammen. Eine langjährige Zusammenarbeit, die durch seine Kontinuität eine Vertrauensbasis geschaffen hat und gerade deshalb Begegnungen von Menschen mit unterschiedlicher Altersstruktur und Biographie unkompliziert ermöglicht. Heute spielt z. B. das interkulturelle Stadtteilorchester des k:ulturladen „insan…popular“, das mit verschiedenen Musiker*innen im Quartier kooperiert und damit Lieder aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen auf die Bühne bringt. Auch der Ortsamtsleiter Christian Schesselmann ist regelmäßiger Gast beim Musizieren. Einen besonderen Vertrauensbeweis erbringt an diesem Tag die Ayasofya Moschee von Huchting, die trotz des Opferfestes, das traditionell innerhalb der Familie gefeiert wird, mit einem Stand vertreten ist und Leckereien anbietet. Die Qualität der Zusammenarbeit im Quartier wird auch durch die Vielstimmigkeit deutlich, die in den Medienbeiträgen der m:edienwerkstatt entsteht: Hier kommen Neubremer*innen ebenso zu Wort wie Akteur*innen der Lokalpolitik.


Weitere Informationen

Wer mehr von der m.edienwerkstatt hören möchte, ist eingeladen, sich die Podcastreihe (R)EINHÖREN eine interkulturelle Podcastreihe von, mit und für Migrant:innen anzuhören, die im Rahmen von NEUSTART KULTUR-Programm 2 entsteht.

Vom 25.8. bis zum 4.9.2022 veranstaltet der k:ulturladen Huchting eine Ausstellung zum Thema WÜRDE, in der 103 Menschen porträtiert werden.

tanzbar_bremen e.V. ist ein inklusives Kollektiv für zeitgenössischen Tanz. Sie tanzen überall: auf der Straße, der Bühne, überregional und international. Und das auf Augenhöhe. Auch während Corona.

„Blitzlichter“ entstand als kreative Antwort auf die Corona-Pandemie. Dabei war das künstlerische Format gar nicht als solches geplant, sondern entstand durch die äußeren Gegebenheiten. „Es ging erstmal darum, wie können wir überhaupt weiterarbeiten“, erinnert sich Adriana Könnemann, freie Mitarbeiterin von tanzbar_bremen. Verfügbare Möglichkeiten wurden ausgelotet und genutzt, damit weitergetanzt und performt werden konnte. Für regelmäßige Treffen stand der öffentliche Raum zur Verfügung, das allerdings nur auf Abstand und zeitweise nur zu zweit. Kurze Choreographien sind so entstanden, die eine besondere Nähe zum Alltag der Menschen im Bremer Stadtraum erzeugten. „Es ging nicht um einen Unterhaltungsfaktor, sondern um ein Auftauchen, ein ‚Blitzlicht‘ im Alltag der Menschen“, erklärt Teamleiterin Corinna Mindt.

Begegnung auf Augenhöhe

Corinna Mindt und Günther Grollitsch gehören zu den Gründungsmitgliedern von tanzbar_bremen, ein inklusives Kollektiv für zeitgenössischen Tanz in Bremen, das inzwischen auf ein über fünfzehnjähriges Bestehen zurückblicken kann. Hier entstehen große und kleine Bühnentanzproduktionen, Straßentheaterstücke und Performances im öffentlichen Raum. Zusätzlich gibt es Aufführungen von und für Kinder und Projekte mit Laiendarsteller*innen. Leitbild des künstlerischen Prozesses und der Zusammenarbeit ist dabei die Begegnung auf Augenhöhe, auf dieser Grundlage werden Projekte seit der Gründung in 2009 regelmäßig realisiert, aktuell besteht tanzbar_bremen aus einem mixed-abled Kernteam von acht festangestellten Mitarbeiter*innen sowie einem großen Pool aus freien Mitarbeiter*innen.

Verlässliche Strukturen

Für den Verein war es von Beginn an  eine große Herausforderung , seine Angebote nur dezentral durchzuführen, da keine eigenen Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Proberäume mussten temporär angemietet werden. „Barrierefreie Proberäume in Bremen zu finden ist gar nicht so einfach“, erzählt Günther Grollitsch, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Kompanie. Denn häufig sind zwar die Veranstaltungsräume barrierefrei zugänglich, nicht aber die Räumlichkeiten, die zum Training und zur Probe genutzt werden. Gerade für niedrigschwellige Kulturangebote ist es jedoch ein wichtiger Faktor, dass verlässliche Strukturen vorhanden sind, dazu gehören ganz praktisch zum Beispiel gleichbleibende Wege zum Training. Verlässliche Strukturen hat tanzbar_bremen aber trotz der prekären Lage auf einer anderen Ebene aufbauen können: Durch die Umsetzung und Konzeption von Modellprojekten im kulturellen Bereich ist ein beständiges Netzwerk aus Tänzer*innen mit und ohne Behinderung gewachsen, das wiederum eigene Themen setzt, neue Projekte entwickelt und damit die Teilhabe stärkt.

Anerkennung und Selbstbewusstsein

Beispielhaft ist da das Bremer Modellprojekt „KompeTanz“ zu nennen, das in den Jahren 2015 bis 2018 durchgeführt werden konnte. Hier wurden junge Menschen mit kognititiver Beeinträchtigung durch Tanz, Sprache und persönliche Coachings begleitet, um auf dem Arbeitsmarkt einen passgenauen Arbeitsplatz zu finden. Zu den Produktionen, die in diesem Rahmen entstanden sind, gehört auch „Ballroom Busters“, die Premiere war 2018 auf dem La Strada International street performance festival in Bremen zu sehen.

BallroombustersBallroom Busters zeigt zeitgenössische Straßentanzkunst über das miteinander Tanzen

© Daniela Buchholz

Der Erfolg des Projekts spiegelt sich auch in dem Selbstbewusstsein, mit dem die Künstler*innen ihrer Umwelt entgegentreten. Neele Buchholz wagte nach der Teilnahme am Projekt den Schritt in die Selbstständigkeit und ist nun als selbstständige Tänzerin aktiv, die in unterschiedlichen Ensembles mitwirkt. Auch Tänzer Oskar Spatz berichtet davon, inzwischen in unterschiedlichen Produktionen mitzuwirken: „Ich finde es schön, wenn man mich als Tänzer anerkennt.“ Und Günther Grollitsch fasst den Prozess zusammen: „Die Professionalisierung geschieht im Tun.“

Niedrigschwelliger Zugang

Dabei ist es eine besondere Aufgabe, potentiellen Förderer*innen die Kulturarbeit mit niedrigschwelligem Zugang zu vermitteln „Ist das, was ihr macht, Kultur oder Soziales?“ ist da häufig die Rückfrage. Auch die Tanzexpertin und Journalistin Elisabeth Nehring benennt dieses eingeschränkte Verständnis der Kulturproduktion in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur: „Während es in Großbritannien eine breite inklusive Tanz-, Theater- und Performanceszene mit verschiedenen Festivals und vor allem einer nennenswerten Förderung gibt, wird in Deutschland das Bühnenschaffen von Menschen mit Behinderungen häufig noch immer als soziale oder therapeutische Arbeit eingestuft.“

Förderprogramme sind wichtige Säule

Passende Förderprogramme sind eine wichtige Säule für die Entwicklung und Umsetzung neuer Projekte, beständigster Partner ist bisher Aktion Mensch. Während der Corona-Pandemie wurde außerdem der Bedarf deutlich, die zusätzlichen Belastungen aufzufangen. tanzbar_bremen beantwortete diesen Umstand mit eigenwilligen künstlerischen Formaten wie den „Blitzlichtern“.

Zusätzlich unterstützten verschiedene Programmteile des Förderprogramms NEUSTART KULTUR, die von unterschiedlichen Richtungen ansetzten, um eine Weiterführung des Kulturbetriebs während der Pandemie zu ermöglichen. Im Rahmen des Hilfsprogramms Tanz konnten über TANZPAKT – RECONNECT die Grundkosten des Vereins gesichert werden. Der lange gehegte Traum einer festen Örtlichkeit ist damit ein Stück näher gerückt. Es konnten vorerst Probenräume in nächster Nachbarschaft der bisherigen Trainingsorte angemietet werden. Das Investitionsprogramm Zentren 2 verbessert dabei mit der Anschaffung von z. B. mobilen Rampen die Zugänglichkeit der Räumlichkeiten. Die Mobilität der Bühnenelemente und des Equipments ermöglicht außerdem einen vielfältigen Einsatz drinnen und draußen, je nach aktueller Pandemielage.

Bei aller Flexibilität ist es dennoch wünschenswert, dass tanzbar_bremen nun auch einen Ort zum Bleiben gefunden hat. So bleibt mehr Energie für die vielen künstlerischen Ideen, die noch auf ihre Umsetzung warten.


Weitere Informationen

Der Artikel beruht auf einer Unterhaltung mit Günther Grollitsch und dem Video kollektiv inklusiv.