7. April 2022

#neustartkultur, Allgemein, Projektbesuch

Besuch bei der PANDA platforma: Solidarität mit der Ukraine aus der Berliner Post-Ost-Kulturszene

Von: Pia Sollmann

Bei meinem Projektbesuch bei PANDA platforma auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg spreche ich mit der Vereinsvorsitzenden Svetlana Müller über das vielfältige künstlerische und politische Programm der Kultureinrichtung und ihr derzeit großes Engagement für die Menschen in und aus der Ukraine.

Svetlana Müller fährt über die Pflastersteine im Hof der Kulturbrauerei ein und parkt ihr Fahrrad vor der PANDA platforma. „Entschuldigung“, ruft sie mir ein bisschen außer Puste entgegen, „Ich hatte noch ein Interview mit einer russischen Schriftstellerin!“ Seit dem 24. Februar ist die Vorstandsvorsitzende des Vereins PANDA  platforma e.V. ständig unterwegs. Führt Gespräche, knüpft Kontakte und macht sich für die Unterstützung Geflüchteter aus der Ukraine stark. Sie macht sich große Sorgen: „Seit dem Angriff schlafe ich nicht mehr als vier Stunden am Stück. Wir haben ja auch alle Familie und Freunde dort“. Und dennoch stemmen sie und die circa 20 aktiven Mitglieder des Vereins weiterhin ein starkes Kulturprogramm im PANDA.

Das PANDA, eine Plattform für die alternative Post-Ost-Community

Die PANDA platforma gibt es seit 2009 und bietet vielen verschiedenen Kunstdisziplinen eine Bühne: Theater, Musik, Lesungen, Performance, politische Debatten, Ausstellungen und vieles mehr findet hier statt. Die Veranstaltungen richten sich vor allem an die russischsprachige und Post-Ost-Community. Svetlana betont die Einzigartigkeit der PANDA platforma: „Natürlich gibt es in Berlin viele Anlaufstellen für Menschen aus den ehemaligen Sowjetstaaten, aber eben nicht für uns, für die demokratisch denkenden, alternativen Menschen und Künstler*innen.“

PANDA Gespanntes und betroffenes Lauschen bei der Solidaritätsaktion "Poesie für die Ukraine"

© PANDA platforma

Ein Programm von gemütlich bis wild auf dem Areal der Kulturbrauerei

P.A.N.D.A. steht für poetry, art, networking, dreams, activity und der Pandabär, der als Logo für das PANDA dient, ist auch als ein Gegenbild zur russischen Nationalallegorie, des großen, starken Bären gemeint: „Der Panda ist gemütlich und friedlich“, erklärt Svetlana mit einem Augenzwinkern.

Dass die Veranstaltungen im PANDA gemütlich sind, kann man sich gut vorstellen: Der schwarz gehaltene Raum mit kleiner Bühne, Zuschauer*innenbereich und Bar lädt dazu ein, entspannt sitzend, mit 20 anderen Musikliebhaber*innen einem nischigen Jazzkonzert zu lauschen. Aber auch größere Veranstaltungen, wie Lesungen des russischen Schriftsellers Wladimir Sorokin, Diskussionen und Partys mit Wladimir Kaminer oder wilde Konzerte von Rotfrontsänger Jury Gurzhy mit bis zu 120 tanzenden Gästen, sehe ich bildlich vor mir. An den Wänden hängen abstrakte, bunte Gemälde. Svetlana zeigt mir stolz die signierten Barhocker und die Tische, die von einer ukrainischen Künstlerin gestaltetet wurden und wichtige Personen der Szene und des PANDA-Kollektivs abbilden. Künstler*innen und Organisator*innen scheinen hier persönlich miteinander bekannt oder sind einfach beides zugleich.

PANDA Das PANDA von innen: Kunst an den Wänden, auf den Tischen und ganz oft auch auf der Bühne

© NEUSTART KULTUR / Bundesverband Soziokultur

Svetlana ist seit vier Jahren im Vorstand des Vereins und betont, was für ein Glück sie mit dem Standort mitten in der beliebten Kulturbrauerei im Berliner Prenzlauer Berg haben, in der das PANDA die einzige Kultureinrichtung ist, die keine regelmäßige staatliche Förderung erhält und die fast ausschließlich ehrenamtlich betrieben wird: „Wir wissen alle, dass wir so einen Ort, mit einer erschwinglichen Miete in Berlin nicht mehr bekommen könnten. Nicht innerhalb des Rings, aber vermutlich auch nicht außerhalb.“

In Solidarität mit der Ukraine und den Geflüchteten

Diesen Ort lebendig zu halten, ist die größte Motivation für Svetlana, insbesondere in Zeiten wie jetzt. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist das PANDA-Team rund um die Uhr beschäftigt: „Die erste Woche haben wir uns nicht vorstellen können, Events durchzuführen, aber dann haben wir uns entschieden, unser Programm fortzusetzen und alle Einnahmen an ukrainische Unterstützungsorganisationen zu spenden.“ Regelmäßig finden nun auch mehrsprachige Poesieabende als Solidaritätsaktion statt. „Neulich ist abends eine ukrainische Dichterin aufgetreten, die erst am selben Tag in Berlin angekommen ist. Das sind für alle dann sehr bewegende Momente“, berichtet Svetlana.

PANDA Sonntags wird das PANDA zum safe space für Geflüchtete aus der Ukraine

© PANDA platforma

Sonntags haben sie außerdem tagsüber einen safe space für Geflüchtete eingerichtet. Der safe space soll eine Anlaufstelle für die Menschen sein, wo sie sich auf Ukrainisch und Russisch austauschen und das Erlebte verarbeiten können. Hier erhalten sie auch praktische Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten für den neuen Alltag. Es seien auch immer Psycholog*innen anwesend, die in der Muttersprache unterstützen könnten. „Aber es muss auch nicht geredet werden“, betont Svetlana „Die Menschen können auch einfach nur hier sein, zur Ruhe kommen, was essen und trinken.“ Auch mit „Quarteera“, einem Verband von russischsprachigen LGBTQI+-Menschen steht das PANDA in Verbindung und vermittelt so noch einmal gezielt Hilfe für queere Geflüchtete. Für Kinder gibt es Workshop- und Spieleangebote. Svetlana ist es ein großes Anliegen, auch noch für Jugendliche ein Programm anzubieten. Diese würden bei den Angeboten oft einfach durchfallen. Um die Menschen noch besser unterstützen zu können, wünscht sich Svetlana vor allem Zeit und Kapazitäten. Dass das Team trotz fast ausschließlich ehrenamtlicher Tätigkeit drei bis fünf Veranstaltungen pro Woche stemmt, ist wirklich eine beachtliche Leistung.

Mit Streaming erfolgreich durch die Pandemie

Auch in Corona-Zeiten konnte das PANDA diesen Output aufrechterhalten. Kurz bevor es mit dem Lockdown richtig losging hat das PANDA am 13. März 2020 schon das erste Konzert live gestreamt: „Wir waren überhaupt nicht vorbereitet und wussten bis zur letzten Minute nicht, ob es klappt, aber es hat alles wunderbar funktioniert“, freut sich Svetlana. Seitdem streamte das PANDA viele Veranstaltungen und hat dadurch auch viele neue Zuschauer*innen außerhalb Berlins gewonnen. Um im Panda hygienekonform Veranstaltungen durchführen zu können, war eine Lüftungsanlage unbedingt notwendig. Durch die NEUSTART KULTUR Förderung wurde dies ermöglicht.

Für die Zukunft des PANDAs hat Svetlana derzeit keine Wünsche, ihre Wünsche gelten im Moment allein den Menschen in und aus der Ukraine.

 

Autor*innen

  Pia Sollmann Förderreferentin NEUSTART KULTUR pia.sollmann@soziokultur.de

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