22. September 2022

#neustartkultur, Projektbesuch

Saure Gurkenzeit – Ist die kulturelle Vielfalt in Gefahr?

Von: Sven Rosenberger

Künstler*innen verzweifeln an der schlechten Auftragslage, Spielstätten am anhaltenden Publikumsschwund. Der Kultur stehen schwierige Zeiten bevor. Wir haben mit Ulrich Bildstein und Franck-Thomas Link vom Hamburger Kammerkunstverein e. V. über Klassik an ungewöhnlichen Orten, das Auslaufen der Corona-Förderprogramme und über die Entwöhnung von Kultur gesprochen.

Robert Schumanns Klavierstück Vogel als Prophet erklingt aus einem geöffneten Fenster im Hamburger Oberhafen und wird von einer leichten Augustbrise über der Hafencity verteilt. Vor dem Fenster steht in einem zweckmäßig eingerichteten Aufenthaltsraum des Hamburger Kammerkunstvereins Geschäftsführer Ulrich Bildstein mit, für ein Ensemblemitglied der Berlin Comedian Harmonists ungewohntem, windzerzausten Haar. Auf der beigen, leicht abgenutzten Couch vor ihm sitzt Pianist und künstlerischer Leiter „Thommy“ Franck-Thomas Link, der mit seiner ruhigen Art die Emotionalität seines Kompagnons bestens ergänzt.

GruppenbildNEUSTART KULTUR zu Besuch beim Hamburger Kammerkunstverein

Zum Feierabend Klassik

Der Verein bewegt sich abseits des subventionierten Klassikbetriebs. Kammermusik, Gesang, Theater, Lesungen sind Bestandteil des Programms. Ein kürzlich abgeschlossenes Projekt widmete sich Texten des französischen Schriftstellers Marcel Proust. „Daraus haben wir eine Lesung gemacht und das ist bei Proust immer viel verbunden mit Musik“, erinnert sich Link an das Programm, bei dem sich wiederentdeckte und 2019 veröffentlichte Texte des Autors mit Gesang und Geige verwoben.

Die Kammerkunst-Familie begegnet ihrem Publikum auf Augenhöhe; will Kunst und Kultur möglichst Vielen erlebbar machen und in Austausch treten. Mit den Lunch- und Feierabendkonzerten organisiert der Verein monatlich zwei beliebte, niedrigschwellige Reihen an ungewöhnlichen Orten: zur Mittagszeit – bei freiem Eintritt – in der geschichtsträchtigen Handelskammer Hamburg, in den Abendstunden in einer Industrielagerhalle unweit ihres Vereinssitzes im Oberhafen. Während das 401te Lunchkonzert wegen Umbauarbeiten noch auf seine Aufführung warten muss, laufen die Feierabendkonzerte auch dank der Förderung von NEUSTART KULTUR nach der Corona-Pause weiter. „Wir versuchen, die Hochkultur in diesem Clash mit der Industriekulisse zu verbinden und das mögen die Leute“, sagt Bildstein und sein Kollege Link fügt hinzu: „Viele Leute, die sonst vorher nichts mit klassischer Musik zu tun gehabt haben, werden bei uns angefixt.“

FeierabendkonzertZum Feierabend Klassik im Hamburger Kreativ- und Kulturquartier Oberhafen

© Hamburger Kammerkunstverein

Förderprogramme laufen aus

Die Klaviermusik, die zart aus einem benachbarten Raum durch die Vereinsräume flattert, wird abrupt vom Rattern eines vorbeifahrenden Zuges erstickt. Bildstein schließt das Fenster und prophezeit: „Die saure Gurkenzeit kommt erst noch.“ Bildstein ist Schauspieler, Sänger und Kulturmanager, ein Kenner der Kulturszene. Ihn erreichen in diesen Wochen Anrufe von überforderten Künstler*innen, die an der schlechten Auftragslage verzweifeln. Die Corona-Hilfen hatten nach dem Ende der kulturellen Zwangspause bei vielen Kulturschaffenden für gut gefüllte Auftragsbücher gesorgt. Vieles konnte nachgeholt werden, was die Pandemie verschoben hatte. „Was nicht bei drei auf den Bäumen war, wurde gefördert. Was auch gut war“, sagt Bildstein begleitet von Schumanns Vogelgezwitscher. Doch die Förderprogramme laufen aus. Zahlreiche Projekte, die durch die Corona-Programme angestoßen wurden, suchen nach einer Weiterfinanzierung, Künstler*innen nach Aufträgen.

Diese Entwicklung konterkariert, was Förderprogramme wie NEUSTART KULTUR während der vergangenen zwei Jahre für den Erhalt der kulturellen Vielfalt geleistet haben. Dies muss auch nach dem Auslaufen der Programme Bestand haben. Denn ein Weniger an kultureller Vielfalt schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Widerstandsfähigkeit gegenüber allgegenwärtigen Krisen.

Entwöhnung von Kultur

Zusätzlich bereitet der anhaltende Publikumsschwund große Probleme. Spielstätten, selbst große Häuser, verzeichnen einen fünfzigprozentigen Rückgang der Zuschauer*innenzahlen. Auch bei den Konzerten des Kammermusikvereins bleibt die Hälfte der Plätze immer noch leer. „Die Leute trauen sich nicht. Die Oma, die zwei Jahre nicht im Konzert war, kommt nicht mehr, hat ihr Abo gekündigt“, erklärt sich Bildstein die Situation und fährt fort: “Es ist nicht wie Brot essen, wenn diese Idee von ‚Ich geh ins Konzert‘ mal abbaut, dann verkümmert die auch, auch das soziale Miteinander verkümmert.“ Diese Entwöhnung von Kultur betrifft alle Kulturveranstalter*innen. Ob in Konzertsälen, Theatern, Kinos und Kulturzentren: überall bleiben Plätze leer. Für Bildstein stehen die Konsequenzen für die kulturelle Vielfalt fest: „Dann fliegt halt raus, was kein Erfolgsgarant ist.“ Weniger Stücke, mehr Mainstream – nicht nur Bildstein und Link muss das missfallen. Bleibt zu hoffen, dass der Publikumsschwund nur eine vorübergehende Begleiterscheinung der anhaltenden Pandemie ist.

Wenige Schritte vom Aufenthaltsraum entfernt, den schmalen, mit grauem Linoleum ausgelegten Gang hinunter, sitzt Pianist Nicholas Ashton am Flügel. Mit britischem Akzent kündigt er sein nächstes Stück an: „Ich spiele gerade ein Stück von Dauquin, ein französischer Barockkomponist. Ein ganz schönes Stück. Es heißt Le Coucou, Der Kuckuck.“ Der Kuckuck gilt als Wahrsager unter den Tieren.

Nicholas Ashton spielt einen Ausschnitt aus "Vogel als Prophet"

Autor*innen

  Sven Rosenberger Öffentlichkeitsarbeit NEUSTART KULTUR sven.rosenberger@soziokultur.de

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